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Isenheimer Altar PDF Drucken E-Mail

 

Der Isenheimer Altar

Eine andere Interpretation

 

 

            Der vorliegende Versuch der Interpretation geht von der Annahme aus, daß Mathis der Maler ‑ oder wer auch immer das Programm des Altarwerkes prägte ‑ ein bibel­kun­di­ger und sich auf die Bibel beziehender Mensch war. Dieser Interpretations­versuch beruht auf einem Bibel­studium und der These, daß die meisten biblisch beleg­ten Bildinhalte auch durch eine biblisch fundierte Interpretation oder Aus­legung ergänzt oder gar erst zugänglich gemacht wer­den kön­nen.

            Die Voraussetzung dafür ist die Annahme, daß der Maler über gute Bibel­kennt­nisse verfügte und sich auf die Bibel berief. Er stand zeitlich am Vorabend der Reforma­tion, vielleicht auch im Umkreis der Devotio Moderna oder des frühen Humanismus, und sah sich wohl manchmal zwischen der biblischen Lehre und den von der damali­gen Kirche gelehrten Dogmen und Prakti­ken. Der Maler scheint einigen Dogmen und den Auswüchsen durchaus kritisch gegenüber gestanden zu haben. Er könnte dem­nach eher reformato­risch gesinnt gewe­sen sein, der etwa so ‑ wie es später auch Luther ausdrückte ‑ emp­fand: "Das Wort sie sollen lassen stahn". Aus dem Lebens­bild, das Hein­rich Geissler zeichnet [1] und das auf Zülch zurückgeht, kann man dieses auch herauslesen. Schließ­lich wurden demnach in des Malers Nachlaß luthe­rische Schriften in einem Holzkasten eingena­gelt ge­funden [1]. Einen Kon­takt zu den Bauernauf­ständen vermutet man. Allerdings ist die historische Persönlichkeit des Malers wieder in die Diskussion der Kunsthistoriker geraten.

            Im Bildwerk des Isenheimer Altars selbst könnte man einige Punkte vorsichtig auf die biblische Sicht­weise hin deuten. Johannes der Täufer hält demonstrativ die Bibel in der Hand und beruft sich damit deutlich auf das Wort Gottes. Ebenso zeigt die Prophetenfigur im Verkündigungsbild die Heilige Schrift und verweist darauf, daß das alles so geschrieben steht. Im Bild der Versuchung des Antonius ist ebenfalls ein dickes Buch, wahr­schein­lich eine Bibel zu sehen, die der vermutlich Kranke festhält.

            Selbstverständlich kann auch die hier vorliegende Interpretation nicht bewiesen werden. Ein strenger Beweis ist außerhalb der Mathematik ohnehin nicht ­möglich. Bereits in den Natur­wissen­schaften wie z. B. der Physik ist die Rich­tigkeit einer Theorie oder These nicht streng beweisbar, allenfalls beleg- und erhärt­bar. In allen histori­schen Wissen­schaften vermißt man einen Beweis besonders heftig. Oft fehlen die Quellen und wo sie vorhanden sind, wissen wir nicht ob sie vollständig und wahrhaftig sind. So müssen auch meine Auslegungs­versuche zum Isenheimer Altar letztlich Spekula­tion bleiben, auch wenn ich sie für in sich schlüssig halte. Sicher­lich gibt es auch eine Reihe ernstzunehmender Argumente gegen diesen Inter­preta­tions­ver­such, der nicht dem Umfeld der strengen kunsthistorischen For­schung ent­stammt. Zumindest dürften die darge­legten Gedanken über den Isen­heimer Altar der Dis­kus­sion wert sein, schließ­lich können sie zur Entschärfung einiger Proble­me der gängi­gen Inter­preta­tionen beitragen.

            Wahrscheinlich hat der Maler auch außerbiblische Symbolik mit in sein Werk aufge­nom­men. An manchen Stellen kann man auch zwei Interpretationen sehen. Diese Dop­pel­deu­tigkeit könnte naheliegend auch im Verhält­nis zum Auftragge­ber, den Antonitern oder der Kirche zu suchen sein. Waren diese Parteien, oder zu­mindest eine davon, der biblischen Sicht­weise eher abgeneigt oder bestanden sie auf eine bestimmte Darstellung, so mußte es dem Maler gelingen, sein Werk so zu schaffen, daß sowohl die gewünschte als auch die eigene Interpretation möglich war. Daß zumindest eine der erwähnten Parteien der biblischen Sicht­weise nicht freund­lich geson­nen gewesen sein dürfte läßt sich leicht ver­muten. Schließ­lich erhiel­ten die Antoniter (und viele Teile der damaligen Kirche) einen Teil ihrer Ein­nahmen aus der monopoli­sierten Ver­ehrung des Anto­ni­us (bzw. anderer Heiliger), dessen Reliquien und dem widerbiblischen Ablaßhandel. Nach Adalbert Misch­lewski wurden den Antonitern durch die Reforma­tion letztlich die wirt­schaft­li­che Grundlage entzogen [2].

            Dies konnte wohl auch Mathis der Maler voraussehen oder zumindest erah­nen: So könnte er im Spannungs­feld zwi­schen Broterwerb und seinen theologisch "refor­matori­schen" Einsichten gewesen sein. Das hätte für ihn mit ein Grund sein kön­nen, in seinen späteren Lebens­jahren sein Geld vermehrt nicht nur durch die Kunst sondern auch durch die Technik zu verdienen - falls das derzeit verbreitete, auf Zülch zurückgehende Lebensbild stimmt. Vielleicht hatte aber der Maler zur Zeit der Entstehung des Altars selbst noch keine endgültige Meinung über diese Glau­bens­fragen, sondern befand sich noch im inneren Ringen um die Wahrheit. Dies ist möglich, scheint mir aber aufgrund der eher deutlichen Aussagen über die Antoniter, die dem Bildnis des Antonius entnommen werden können (s. u.) eher unwahrschein­lich.

            Der Maler verzichtet auch schon weitgehend auf die Nimben (Heiligen­schei­ne), die ja aus dem Feld der heidnischen Götterdarstellungen stam­men. Antonius, Paulus und Sebastian werden naturalistisch ohne Nim­ben dargestellt. Bei der Ver­kündi­gung ist Maria von keinem Nimbus umkränzt. Die Geistestau­be aber ist von einem solchen umgeben. Maria und Jesus erhal­ten im Weihnachts­bild nur einen schwa­chen Nimbus, während Jesus bei der Auf­erste­hung wie die Sonne strahlt. Bei der Kreuzi­gung und Grable­gung wird wieder auf jeden Nimbus ver­zichtet. Man kann nun darin eine Erscheinung der Zeit sehen. Schließ­lich ver­zichten in dieser Zeit auch einige andere Künst­ler, beson­ders in Italien, auf die Heili­genscheine. Viel­leicht ist es aber auch eine gewollte Aussage des Ma­lers, auf eine göttliche Ein­schätzung von Men­schen bewußt zu ver­zichten.

 

            Die folgenden Ausführungen be­schränken sich weitgehend auf solche Aspekte, die die all­gemein verbreiteten Interpretationen ergänzen können oder auch zu diesen kon­trastieren. Zur Be­schreibung der allgemeinen Betrach­tungsweisen sei auf die vielfäl­ti­ge Litera­tur verwiesen, besonders auf das im Literaturverzeich­nis aufge­führte, von Max Seidel herausgegebene Buch, das in vorbildlicher Weise hervor­ragendes Bild­ma­terial mit sehr gut aufbereiteten wissenschaftli­chen Hinter­grund­informa­tionen bei gutem Preis und Verfügbarkeit vereint.

 

            Bei der Betrachtung des Altars möchte ich entgegen der üblichen Tradition von innen nach außen vorgehen, also beim Schrein beginnen.

 

Die Personen zeigen aufeinander

            Bereits bei der Betrachtung des Schreins fällt auf, wie sehr die einzelnen Perso­nen aufein­ander hinweisen und aufeinander zeigen: Hieronimus, Augusti­nus, Jean d'Orlier und der Bauer zeigen auf Antonius. Christus weist nach oben auf den himmlischen Vater und auch die Apostel zeigen aufeinander bzw. auf verschiede­ne Gegenstände. Mathis der Maler führt diese Art der Akzentu­ierung fort. So weist Antonius auf Paulus und Paulus zumindest vordergründig auf Antonius (dritte Schauseite, Antonius trifft Paulus).

            Auf der zweiten Schauseite weist der Verkündigungsengel Gabriel in die Mitte zwischen der den heiligen Geist sym­bolisieren­den Taube und Maria. Er weist damit auf Jesus Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen (s. u.). Nicht nur des Engels Hand sondern auch der Zipfel seines Gewandes zeigen auf den unsicht­baren Jesus. Die musizierenden Engel weisen auf Christus. Ebenso die lichtumflutete Frau mit der Flammenkrone, die man als Christus anbetend ansehen kann. Der auferstandene Christus weist mit beiden Händen nach oben zum himm­lischen Vater hin. Verlängert man seine Daumen und Zeigefinger, so erhält man ein Drei­eck, was auch als Symbol der Trinität gedeutet werden könnte. Johannes der Täufer weist deutlich auf Christus, ebenso das Opferlamm. Die beiden Frauen unter dem Kreuz zeigen betend zu Jesus und sogar des Apostels Johannes rechte Hand könnte man mit einigem guten Willen als auf den Chri­stus weisend ansehen.

            Hält man bei der ersten Schauseite mit den meisten Kunstwissenschaftlern (vgl. auch Geissler, Harnest und Saran [6]) an der früheren Anordnung der Seiten­bilder fest, so zeigt Seba­stian auf Jesus, vielleicht betet er ihn an. Auffallend ist jedenfalls die Parallelität der Arm- und Handhaltung von Sebastian und Johannes, so daß sich aus beiden ein besonders eindringliches Zeigen auf Jesus ergäbe. Auch Antoni­us wen­det sich auf seine Weise Jesus zu. Diese Aufstellung scheint damit auch in der vor­liegenden Inter­pretations­weise sinnvoller als die derzeit vorhan­dene.

 

Dritte Schauseite

            Den eigentlichen Interpretationsversuch möchte ich mit der dritten Schau­seite begin­nen. Bei der Versuchung des Antonius finden wir bereits den Kampf zwi­schen Engeln und Teufeln. Der Maler läßt uns bereits hier einen Blick in seine Vor­stellung der unsichtbaren Welt werfen. Das Vor­handensein einer solchen unsicht­baren Welt und der sich darin befinden­den Engel und Teufel wird durch die ganze Bibel hin­durch bezeugt: 1 Mo 16,7; 19,1.15; Lk 15,10; 1 Petr 1,12; 1 Kor 6,3; Joh 8,44; Jud 6; 2 Petr 2,4; Eph 6,12; Röm 8,38.

            Die angreifenden Dämonen werden in der Literatur (z. B. [10]) auch als die Todsün­den angesehen. Das ist möglich, aber nicht zwangsläufig; zu sehen sind im Hinter­grund auch die Kämpfe der Engel mit den Teufeln (vgl. Dan 10,13), die in der unsichtbaren Welt stattfinden und in der Bibel bezeugt sind.

            Interessant und für die genauen Naturkenntnisse des Malers kennzeichnend sind die Heilpflanzen im Bild "Antonius trifft Paulus", die parallel zu dem ver­mutlich Kran­ken im Versuchungsbild angeordnet sind [11].

 

Zweite Schauseite

            Die zweite Schauseite beginnt mit der Verkündigung wie sie im Lukasevan­ge­lium beschrie­ben ist:

            Lk 1,26: Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, (1,27) zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. (1,28) Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 1:29 Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? (1,30) Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. (1,31) Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. (1,32) Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, (1,33) und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. (1,34) Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? (1,35) Der Engel antwor­tete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höch­sten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. (1,36) Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, daß sie unfruchtbar sei. (1,37) Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. (1,38) Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

 

Maria las in der Bibel die zugehörige Jesajastelle:

            Jes 7,14: .. Siehe, eine Jung­frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

 

            Jesaja in der linken oberen Ecke zeigt nochmals bestär­kend diesen Bibel­text. Der Engel zeigt nicht direkt auf Maria, sondern zwischen Maria und die Taube. Er zeigt meiner Ansicht nach auf Jesus Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen. Noch ist Jesus Christus unsichtbar, doch dort, wo wir den Mittler zwischen Gott und den Menschen erwar­ten, sehen wir einen leich­ten Licht­schein auf dem hinteren dunklen Vorhang. Jesus Christus hat für unsere Schuld bezahlt und wurde so zum Mittler zwischen Gott und Mensch. Durch ihn haben wir die Erlösung von unserer Sünde und den Zugang zu Gott (1Tim 2,5.6):

            1Tim 2,5: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, (2,6) der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß dies zu seiner Zeit gepredigt werde.

 

            Die beiden Mittelbilder der zweiten Schauseite stellen das Engelskonzert und die Geburt Christi dar. Die möglichen Interpretationen sind vielfäl­tig. Ich möchte mich auf einen Aspekt beschränken: Die linke Tafel, das En­gels­konzert zeigt nach meiner Ansicht die Vor­gänge der unsichtbaren Welt, während die rechte sich weitgehend auf die sichtbare Welt beschränkt. Die Engel in der unsichtbaren Welt freuen sich über die Geburt Christi und das begonnene Erlösungswerk, das zur Erlösung vieler Menschen und damit zu weiterer Freude Anlaß gibt.

            Auch die geheimnisvolle lichtumflutete Frau ist Teil der unsichtbaren Welt. Sie ist hell gekleidet, freut sich über die Geburt Christi und betet ihn an. Ihr langes, offenes Haar ist ein Zeichen dafür, daß sie unverheiratet ist. Mit dieser Klei­dung und der Krone erinnert sie an eine Braut. Einige Male wird in der Bibel die Ge­meinde Jesu (Ecclesia = Kirche) als Braut Jesu und Jesus als Bräutigam der Gemeinde bezeich­net. Immer wieder wird auch das eheliche Verhältnis mit dem Verhältnis zwi­schen Gott und den Menschen verglichen:

            Eph 5,25: Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Ge­meinde geliebt hat und hat sich für sie dahingegeben, (5,26) um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das Wasser­bad im Wort, damit er (5,27) sie vor sich stelle als eine Ge­meinde, die herrlich sei und keine Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern die heilig und untade­lig sei. (5,28) So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. (5,29) Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt; sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde. (5,30) Denn wir sind Glieder seines Leibes. (5,31) »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein« (1.Mose 2,24). (5,32) Dies Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.

           

            Off 19,7: Laßt uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. (19,8) Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der Heili­gen.

 

            Off 22,16: Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeu­gen für die Gemein­den. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. (22,17) Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spre­che: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.

 

            Mt 9,14: Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, und deine Jünger fasten nicht? (9,15) Jesus antwortete ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten.

 

Die Krone mit der die Brautgemeinde gekrönt ist, erinnert stark an die Flam­men­zun­gen des Pfingstereig­nisses:

            Apg 2,1: Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beiein­ander. (2,2) Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. (2,3) Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, (2,4) und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

 

            Auch darin kann man eine Bekräftigung der Gleichset­zung der lichtumflu­teten Frau mit der Gemeinde Christi sehen. Eine aus biblischer Sicht problematische Maria aeterna braucht dann nicht mehr zur Erklärung her­angezogen werden. Diese Mei­nung wurde auch schon 1920 von Groner [8] geäußert. Sie kann auch durch die Gesamtanordnung des Mittelbildes gestärkt werden. Gottvater, Jesus und Flammen­krone über der licht­umfluteten Frau lassen sich durch ein Dreieck verbinden. Dieses Dreieck ließe sich als Symbol für die Trinität deuten: Gottvater, Jesus Christus, Sohn Gottes und der Heilige Geist bei der Gemeinde Jesu.

            Die Unterbringung der Gemeinde Jesu im Bereich der unsichtbaren Welt ist biblisch begrün­det. Aus der Sicht Gottes entscheidet die Stellung zum Evangelium, zu Christus und Gott, d. h. der Glaube und seine Frucht, über die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu (= ecclesia = Kirche). Eben darum ist die Gemeinde Jesu (Kirche) den leiblichen Sinnen verborgen, unsichtbar: kein Mensch kann von dem andern wissen, ob er Glied der Gemeinde Jesu (Kirche) sei, ob er wahrhaftig glaube, hoffe, liebe und lebe, oder ob er wirklich von ihr ausgeschlossen sei, weil er von alle dem nichts habe [12].ziemlich wörtlich aus Müller 2/1, S. 235.

            Über der lichtumfluteten Frau halten zwei Engel eine Krone, die üblicherweise als Marienkrone bezeichnet wird. Aber auch dieser Begriff findet sich in der Bibel nicht. Wohl aber wird von einem Siegeskranz gesprochen, den der überwindende Christ nach dem Tode erhält (1Kor 9,25; 2Tim 4,8; 1Petr 5,4; Jak 1,12; Offb 2,10 und 3,11). Das ergibt einen weiteren Bezug auf die Ge­meinde der Gläubi­gen.

            2Tim 4,7: Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; (4,8) hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtig­keit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.

 

            Off 2,10: ..  Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

 

            Aus dem Weihnachtsbild scheint unten rechts der mit einem Tuch bedeckte Wasch­zuber in das Engelskonzert hineinzureichen. Dieser Waschzuber wird im allgemei­nen als Geburtsrequisit angesehen. Aber er steht zum weitaus größten Teil im Engels­konzert und damit in der unsichtbaren Welt. Hat der Maler für diesen Wasch­zuber im Weihnachtsbild einfach keinen Platz mehr gefunden? Das könnte sein, scheint aber recht unwahrscheinlich, denn er hätte ihn auch genauso gut weglassen können. Eine andere Interpretation könnte hier helfen: Der abge­deckte Waschzuber könnte eine Metapher für ein Taufbecken und damit für die Taufe selbst sein. Durch die beken­nende und angenommene christliche Taufe wird den Menschen die Rein­wa­schung von der Schuld plastisch gemacht. Die Taufe ist ein Kennzeichen der christli­chen Gemeinde. Diese Taufe bezieht sich auf die Gemeinde, die ja über dem Wasch­zuber dargestellt ist und nicht auf Jesus, denn der wurde bei seiner Geburt nicht getauft, schon gar nicht zur Reinigung von Sünden. Er wurde von Jo­hannes, der ebenfalls eine wichtige Rolle im Gesamt­zusammen­hang des Isenheimer Altars spielt, getauft, um "alle Gerechtig­keit zu erfüllen".

            Von dem vermutlichen Taufgefäß ist nur ein sehr kleiner Teil in der sicht­baren Welt (Weihnachtsbild) dargestellt. Die sichtbare Auswirkung der Taufe ist meist sehr klein, der größte Teil der Wirksamkeit liegt in der unsichtbaren Welt. Die Glaskaraffe könnte man in diesem Zusammenhang als Gefäß für Salböl z. B. für Taufzwecke deuten und der Nachttopf neben dem Waschzuber könnte die Unrein­heit der Sünde darstellen. Die zerrissene Windel des Jesuskindes finden wir bei der Kreuzigung wieder. Zu­sammen mit der in dieser Aufstellung sichtbaren Grablegung auf der Prädella ist sie ein Vorbote auf den Opfertod Jesu.

So könnte man denn auch einige Stationen des Lebens eines Christen sehen: Wir be­gin­nen mit der Unreinheit der Sünde (Nachttopf), die durch den Opfertod Christi (Grablegung) und das Be­kennt­nis weggenommen wird. Mit der angenommenen und beken­nenden Taufe wird der Christ Mitglied der Gemeinde Jesu und mit dem heiligen Geist versehen (Flam­men­krone). Nach dem Tode wird der über­winden­de Christ mit einer Ehren­krone (Sieges­kranz) bekränzt.

            Die Gesamtkonstellation mit sichtbarer und unsichtbarer (hier heiliger) Welt, den Sym­bolen der Reinigung von der Schuld, dem Vorhang zwischen den beiden Welten und der unmittelbarer Nähe von Jesus Christus sowie den Vorboten für seinen Opfertod (Windel und Grablegung) erinnert an eine Stelle im Hebräer­brief:

            Hebr 10,19: Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, (10,20) den er uns aufgetan hat als neuen und lebendi­gen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, (10,21) und haben einen Hohen­priester über das Haus Gottes, (10,22) so laßt uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, be­sprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.

 

Die "Hoffnung für alle", eine Übertragung der Bibel ins heutige Deutsch erläutert diese Passage:Interessanterweise ist die Stelle Hebr. 10, (19-22), 23-25 Ein Predigttext zum ersten Advent! Anmerkung 3.12.95/See

            Hebr 10,19 (Hoffnung für alle): Und so, liebe Brüder, können wir jetzt durch das Sterben Jesu Christi, durch das Opfer seines Blutes frei und ungehindert in das Heiligtum eintreten und zu Gott selbst kommen. (10,20) Christus hat sein Leben geopfert und damit den Vorhang nie­dergerissen, der uns von Gott trennte. So hat er nun einen neuen Weg gebahnt, der zum Leben führt. (10,21) Als unser Hohepriester herrscht er nun über das Haus Gottes, seine Gemeinde. (10,22) Darum wollen wir uns Gott nähern mit aufrichtigem Herzen und im festen Glauben; denn das Blut Jesu Christi hat uns von unserem schlechten Gewissen befreit, und durch das Wasser der Taufe sind wir von aller Schuld reingewaschen.

 

Unter dieser Betrachtungsweise fällt es auch schwer, den grünen Engel im Engels­konzert als Teufel zu deuten, wie das in der Literatur [9] zu finden ist.

 

            Im Hebräerbrief wurde Jesus auch als Hohepriester der Gemeinde bezeichnet (Hebr 10,21 s. o.). Zieht man weiter den Hebräerbrief zu Rate, dann könnte man auch eine Hilfe für die Interpretation der Segnung auf dem Baldachin über der lichtumfluteten Frau sehen:

            Hebr 6,19: Diese haben wir als einen sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hinein­reicht bis in das Innere hinter dem Vorhang. (6,20) Dahinein ist der Vorläufer für uns gegangen, Jesus, der ein Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Mel­chise­deks. (7,1) Dieser Melchisedek aber war König von Salem, Priester Gottes des Höch­sten; er ging Abraham ent­gegen, als der vom Sieg über die Könige zurückkam, und segnete ihn; (7,2) ihm gab Abraham auch den Zehnten von allem. Erstens heißt er übersetzt: König der Gerech­tigkeit; dann aber auch: König von Salem, das ist: König des Friedens. (7,3) Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum, und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleich er dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit.

 

Es liegt daher nahe, auf dem Baldachin die Segnung Abrahams durch Melchisedek, den Hohepriester und Vorboten Jesu zu sehen.

Die Engelschar in der Glorie um Gottvater erinnert ebenfalls an den Hebräerbrief:

            Hebr 12,22: Sondern ihr seid gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln, und zu der Ver­sammlung (12,23) und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrie­ben sind, und zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerech­ten (12,24) und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abels Blut.

 

Auch hier hilft wieder die "Hoffnung für alle":

            Hebr 12,22: Ihr dagegen seid zum Berg Zion gekommen und in die Stadt des lebendigen Gottes. Das ist das himmlische Jerusalem, wo ihr Gott zusammen mit seinen vielen tausend Engeln voll Freude anbetet. (12,23) Ihr gehört zu seinen Kindern, die er besonders gesegnet hat und die ein Bürgerrecht im Himmel haben. Ihr habt eure Zuflucht zu Gott genom­men, der alle Menschen richten wird. Ihr gehört zu dersel­ben großen Gemeinde wie alle diese Vorbilder des Glaubens, die be­reits am Ziel sind und Gottes Anerkennung gefunden haben. (12,24) Ja, ihr seid zu Jesus selbst gekommen, durch den Gott einen neuen Anfang mit uns Menschen gemacht hat. Um euch von euren Sünden zu reini­gen, hat Christus am Kreuz sein Blut vergossen. Das Blut Abels, der von seinem Bruder umgebracht wurde, schrie nach Rache, aber das Blut Christi spricht von Vergebung.

 

            Man könnte damit in dem Berg im Hintergrund des Weihnachtsbildes eine Anspie­lung auf den Berg Zion sehen.s. auch Fraenger

 

            Das Weihnachtsbild (Geburt Christi) enthält u. a. zwei symbolische Pflan­zen. Die Feige zur Linken Jesu (vom Betrachter aus gesehen) und die Rosen zur Rechten. Hier kann man eine - zugege­be­ner­maßen recht gewagte ‑ neue Inter­preta­tion sehen: Neben vielen ande­ren Mög­lich­keiten kann die Feige auch als Symbol für das Juden­tum und damit den alten Bund ver­standen werden [4]. Die Rose ist auch das Sym­bol für das Martyri­um der christ­lichen Kirche und auch für Christum selbst [5]. Das ist auch den vor­reformatori­schen Strophen des bekannten Weihnachts­lieds "Es ist ein Ros' ent­sprun­gen" zu entneh­men. Wenn wir nun die Rose als Symbol für Chri­stum, die christliche Gemeinde und den Neuen Bund sehen wol­len, dann gibt sich folgen­des Bild: Links die Feigen als Repräsentan­ten des alten Bundes, rechts die Rosen für den Neuen Bund. Dazwi­schen ist Jesus als Mittler und Übergang. Jesus ist nicht nur der Mittler zwischen Gott und den Men­schen (1Tim 2,5.6 s. o.), sondern auch zwischen Altem und Neuem Bund (Hebr 12,24; s.o.).

 

Die Auferstehung zeigt Jesus als das Licht der Welt, wie es im Johannes­evange­li­um geschil­dert ist:

            Joh 1,4: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (1,5) Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Fin­sternis hat's nicht ergriffen. (1,6) Es war ein Mensch, von Gott ge­sandt, der hieß Johannes. (1,7) Der kam zum Zeugnis, um von dem Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaub­ten. (1,8) Er war nicht das Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. (1,9) Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuch­tet, die in diese Welt kommen. (1,10) Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. (1,11) Er kam in sein Eigen­tum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (1,12) Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denn, die an seinen Namen glauben, (1,13) die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott gebo­ren sind.

 

            Joh 8,12: Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

 

            Joh 12,46: Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. (12,47) Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt rette. (12,48) Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

 

Sogar aus den Wunden Jesu bricht Licht hervor. Das Licht läßt keine Finsternis, keine Sünde, unentdeckt und das Blut reinigt von Sünde:

            Hebr 9,14: um wieviel mehr wird dann das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendi­gen Gott!

 

Und in enger Beziehung zur Auferstehung fährt der Hebräerbrief fort:

            Hebr 9,24: Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht ist und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen; (9,25) auch nicht, um sich oftmals zu opfern, wie der Hohepriester alle Jahre mit fremden Blut in das Heiligtum geht; (9,26) sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.

 

 

            Das Grabtuch erinnert an ein Band, das die andauernde Verbundenheit Jesu mit den Menschen ausdrücken könnte (Mt 28,20).

            Mt 28,18: Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. (28,19) Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes (28,20) und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

 

            Die Anordnung der Auferstehung als viertes Bild der zweiten Schauseite ist für manche nicht leicht zu erklären [3]; wird doch in der zweiten Schau­seite oft ein Marien­altar gesehen. Diese Deutung ist eine durchaus mögli­che, schließ­lich ist Maria auf drei von vier Bildern ver­treten, wenn man die licht­umflutete Frau als Maria aeterna sieht. Bei meiner Deutung dieser Gestalt als Ge­meinde Jesu ist Maria auf der zwei­ten Schauseite aber nur zweimal vertreten. Eine Deu­tung als Marien­altar fällt schwerer. Viel leichter fällt damit aber eine Deutung als Christus­altar: Auf allen vier Bildern hat Christus eine zentrale Bedeu­tung: Bei der Ver­kündi­gung ist er zwischen Taube und Maria in zentraler Bildpo­sition als Mittler zwischen Gott und Menschen  (1Tim 2,5.6) zu denken. Er befindet sich damit auch nahe dem Kreu­zungspunkt der Zeigeli­nien des Fingers und des Gewand­zipfels des Engels. Im Engelskonzert freuen sich sowohl Engel als auch die Brautgemeinde über die Geburt Jesu, weisen auf ihn hin und beten Ihn an. Im Weihnachts­bild befindet sich der Kopf Jesu ziemlich genau im geome­trischen Zentrum. Im Auferste­hungs­bild steht Jesus unzweifelhaft im Zentrum des Be­trach­ters. So kann man die zweite Schauseite recht proble­marm und in sich schlüssig als Ge­schichte Christi auf Erden sehen. Bedenkt man, daß bei dieser Stellung des Altars die Prädella ebenfalls sichtbar ist, dann kann auch der Kreuzestod Jesu impliziert werden.

 

 

 

Die erste Schauseite

            Der Mittelteil der ersten Schauseite stellt die Kreuzi­gung Christi dar. Links und rechts davon kommen bei geschlossenem Altar die Seitenbilder mit den beiden Heiligen Sebastian und Antonius zum Vorschein. Über die Frage der Anord­nung der beiden Heiligen wurde bereits gesprochen. Es soll nur noch auf einige Details eingegangen werden, die in der allgemeinen Kunstbetrachtung bisher nur wenig oder gar keine Beachtung gefunden haben, aber einiges über die Haltung des Malers zu den Antonitern oder zumindest den bei ihnen geübten Praktiken schließen lassen. Beide Seitenbilder sind sehr parallel aufgebaut: Die Heiligen stehen auf von Reben­gewächsen umrankten Sockeln und über ihren Köpfen sind Fenster zu sehen. Gerade durch diese formale Parallelität kommen inhaltliche Unterschiede besonders deutlich zum Vor­schein: In dem Fenster über dem Märtyrer Sebastian schweben Engel und halten einen goldenen Reif, den man als Märtyrerkrone ansehen könnte. Das Fenster über Antonius hingegen ist ein Fenster mit Butzenscheiben und läßt den Eindruck zu, daß Antonius in seinem Kloster steht. Durch dieses Fenster bricht gerade ein Dämon in das Kloster ein. Sein sichtbarer Atemhauch dringt bereits in den (Kloster-) Raum ein. All­gemein wird das als Anspielung auf die Versuchung des Antonius angesehen. Aber man könnte darin auch eine Anspielung auf die Situation im Antoni­terorden sehen. Das Böse (z. B. in Form von Ablaßhandel, Heiligenkult und anderen unbibli­schen Prakti­ken) bricht soeben in das Kloster bzw. den Orden ein ‑ die Glasscherben fallen noch! Der Gesichtsaus­druck des Antonius wirkt entsprechend besorgt und traurig.

            Auch die Sockel auf denen die Heiligen stehen, unterscheiden sich in zweierlei Weise: Zum einen herrschen bei dem Sockel des Antonius die Vierecke vor, was man als Symbol für Weltlichkeit ansehen könnte, wogegen man im Sockel des Sebastian Dreiecke (die drei ist die heilige Zahl) erkennen kann [10]. Das mit den Schuhen, das Fraenger erwähnt hat so seine Probleme: In Mt 10, 10 steht: keine Schuhe (Sandalen) mitnehmen, in Mk 6,9 steht wohl aber Schuhe mitnehmen (Sandalen unterbinden).Mt $10/9$ Ver­schafft

euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure Gürtel, $10/10$

keine Tasche auf den Weg, noch zwei Unterkleider, noch Sandalen,

noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.

Mk $6/8$ Und er gebot ihnen, daß sie nichts mit auf den

Weg nehmen sollten als nur einen Stab; kein Brot, keine Tasche,

keine Münze im Gürtel, $6/9$ sondern Sandalen untergebunden. Und

zieht nicht zwei Unterkleider an!Zum Zweiten ‑ und das ist meines Wissens nach bisher weitgehend unbeachtet geblieben ‑ unter­scheiden sich die Rebengewächse, die die Sockel umranken, in einigen interessanten Punkten sehr stark voneinander. Die Reben des Sebasti­an wirken ordentlich angebun­den und gepflegt, während die des Antonius, die nach [13] eigentlich zu den Zaunre­ben gehören (Zaunrübe, Bryo­nia spec.), einen eher wild wuchernden und unge­pflegten Eindruck hinter­lassen. Darüberhinaus sind sie deutlich sichtbar abge­schnit­ten! Das erinnert an Johannes 15, wo Jesus sagt:

            Joh 15,1: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärt­ner. (15,2) Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. (15,3) Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. (15,4) Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. (15,5) Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (15,6) Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

 

            Bezieht man diese Aussagen auf die Reben an den Sockeln, kann man einen starken Angriff gegen die Antoniter bzw. ihre Praktiken ableiten: Sie haben wilde, ungebän­digte Triebe und Wucherungen gezeigt und sich von Jesus entfernt. Sie haben sich der Reini­gung entzogen. Deshalb konnten sie für die Sache Jesu keine Frucht mehr bringen. Die Reben sind schon abgeschnitten und werden wohl bald verdorren, weg­genommen und verbrannt werden. Für die Antoniter könnte das eine Warnung sein: es ist höchste Zeit zur Umkehr, oder vielleicht auch schon zu spät. Es ist mir rätselhaft warum diese theologisch so klare Aussage nicht schon längst entdeckt und zum Allgemeingut der Interpretation des Isenheimer Altars geworden ist. Noch rätselhaf­ter ist es, warum sie nicht von den Antonitern, namentlich von deren Präzep­tor und Auf­traggeber des Altarwerkes, Guido Guersi, erkannt und unterdrückt wurde. Wurde dem Altar­werk so geringe Aufmerksam geschenkt, oder hatten sich die Antoniter schon so sehr von der Bibel entfernt, daß sie diese Stelle nicht mehr kannten? Oder hat Guersi diese Aussage zumindest insgeheim geduldet oder sogar unterstützt? Diese Spekula­tion läßt sich nicht ganz ausschließen, denn von Guersi ist erstaunlich wenig bekannt. Eine Verbindung zu den reformatorischen Kreisen in Straßburg um Geiler von Kaisersberg wäre denkbar [10]. Einige Forscher wollen in dem besorg­ten Antonius ein Bildnis des Präzep­tors Guersi sehen. Setzt man eine kriti­sche Ein­stellung Guersis voraus, könnte man auch über den Mangel an Doku­menten über ihn spekulie­ren. Aber damit würde man bei der derzei­tigen Kenntnis­lage den Boden des auch nur nähe­rungsweise Nachvoll­zieh­baren verlassen.

 

            Zurück zum Mittelteil der ersten Schauseite, der beherrschenden und er­greifenden Kreuzigung Christi. Auf der rechten Seite fallen Johannes der Täufer und das Opfer­lamm auf. Beide haben hier eigentlich nichts zu suchen. Johannes der Täufer war bei der Kreuzi­gung Jesu bereits längst tot und das Opferlamm wurde im Tempel ge­schlachtet. Dies läßt mich wieder eine Auf­teilung der beiden Altarflügel in eine sichtbare und eine unsicht­bare Welt vermuten. Ähnlich wie das Engels­konzert und das Weih­nachtsbild und in chiastischer Stellung dazu. Hier ist die unsichtbare Welt rechts und die sichtbare Welt links dargestellt.

            Der Apostel Johannes und die beiden Marien sind von den Ereignissen der sicht­baren Welt geprägt. Verzweif­lung, Angst, Verlorensein, Hilflosigkeit und Sorge ist aus ihren Gesichtern abzulesen. So fühlen wir uns angesichts der Not, des Elends, der Ungerechtigkeit und der Untreue der Welt immer wieder. Von der Auswirkung der Kreuzestat Jesu sehen wir hier auf Erden oft nur ein wenig, so wie auf der linken Altarsei­te nur ein Arm zu sehen ist. Der größere Teil des Körpers Jesu und damit der größere Teil der Auswir­kung seiner Kreuzestat sind im Bereich der unsicht­baren Welt zu finden. Diese Spannung finden wir z. B. auch bei Paulus in 2.Kor 4:

            2Kor 4,16: Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. (4,17) Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, (4,18) uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

 

Ein weiteres tröstet uns: Jesus wendet sich noch am Kreuz den Menschen in der sichtbaren Welt zu (Joh. 19,27). Er läßt uns nicht allein. Der Maler zeigt dies durch die Kopfhal­tung des Gekreuzigten.

            Halten wir an der alten Anordnung der Heiligen Antonius und Sebastian fest, so steht Antonius und mit ihm vor allem wohl die Antoniter auf der Seite der sichtbaren, materiellen, ja vielleicht auch der materialistischen Welt.

            Auf dem Flügel der für die unsichbare Welt steht, ist auch das Opferlamm, welches das Opfer sym­bolisiert, das Jesus zur Reini­gung der Sünden der Men­schen gebracht hat; ganz so wie es Johannes der Täufer im Johannesevange­lium bezeugt hat:

            Joh 1,29: Am nächsten Tag sieht Johannes (Anmerkung: Johannes der Täufer), daß Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!

 

            Jes 53,7: Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das ver­stummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

 

            1Petr 1,18: denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, (1,19) sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

 

            Joh 3,14: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Men­schensohn erhöht werden, (3,15) damit alle, die an ihn glau­ben, das ewige Leben haben. (3,16) Denn also hat Gott die Welt ge­liebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (3,17) Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. (3,18) Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. (3,19) Das ist aber das Ge­richt, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Fin­sternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. (3,20) Wer Böses tut, der haßt das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. (3,21) Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, daß seine Werke in Gott getan sind.

 

Johannes der Täufer ist der letzte und größte Prophet des alten Bundes.

            Lk 16,16: Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt..

 

            Joh 1,19: Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem, daß sie ihn fragten: Wer bist du? (1,20) Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. (1,21) Und sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er antworte­te: Nein. (1,22) Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann? daß wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? (1,23) Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3). (Vgl. auch Mt 3,1‑12; Mk 1,1‑8; Lk 3,1‑18).

 

Johannes der Täufer hält die Bibel in der Hand. Er beruft sich deutlich auf das Wort Gottes:

            Joh 1,1: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (1,2) Dasselbe war im Anfang bei Gott. (1,3) Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts ge­macht was gemacht ist.

 

            Joh 1,14: Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herr­lichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,15) Johannes gibt Zeugnis von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. (1,16) Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (1,17) Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. (1,18) Niemand hat Gott je gesehen; der Eingebore­ne, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.

 

            Das Wort Gottes wird im Epheserbrief als Schwert bezeichnet mit dem in der unsicht­baren Welt gefochten (und gesiegt) wird. Welche Macht das Wort Gottes hat zeigt auch der Bericht von der Versuchung Jesu. Jesus wehrt sich gegen die An­griffe Satans nur mit dem Wort Gottes und bleibt Sieger.

            Johannes der Täufer weist auf Jesus hin. Er bezeichnet ihn als den Bräuti­gam (der Ge­meinde) und sich selbst als den Freund des Bräutigams der die Braut dem Bräuti­gam zuführt und sich über die Hochzeit freut:

            Joh 3,27: Johannes antwortete und sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist. (3,28) Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm her gesandt. (3,29) Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört, freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun erfüllt. (3,30) Er muß wachsen, ich aber muß abneh­men.

 

            In diesem Zusammenhang fallen die Worte Er muß wachsen, ich aber ab­neh­men, die der Maler demon­strativ an die Wand geschrieben hat (Illum oportet cresce­re me autem minui). Damit ruft er die Nach­fol­ger Christi ‑ die Heiligen im bibli­schen Sinn ‑ zum Weg der Heiligung auf: Das eigene Ego immer kleiner werden zu lassen und Christus immer ähn­licher zu wer­den!

 

Melanchthon erklärt dies im Augsburgischen Bekenntnis [7] so:

            Artikel 6 (EKG S. 1194): Vom neuen Gehor­sam: Auch wird ge­lehrt, daß dieser Glaube gute Früchte und gute Werke her­vor­bringen soll und daß man viele gute Werke, die Gott gebo­ten hat, tun muß, weil er es will. Doch darf man nicht darauf vertrauen, daß man durch sie Gnade vor Gott verdienen kann. Denn Ver­gebung der Sünde und Gerechtigkeit empfan­gen wir durch den Glauben an Christus ‑ wie er selbst spricht: "Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte, (wir haben getan was wir zu tun schul­dig wa­ren)" (Lukas 17,10). So lehren auch die Kirchen­vä­ter ...

 

Auch die Bibel kennt diesen Begriff der Heiligung:

            Hebr 12,14: Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heili­gung, ohne die niemand den Herrn sehen wird..

 

            Mt 7,12: Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten. (7,13) Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm hineinge­hen. (7,14) Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden! (7,15) Seht euch vor vor den falschen Prophe­ten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. (7,16) An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? (7,17) So bringt jeder gute Baum gute Früch­te; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte. (7,18) Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. (7,19) Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (7,20) Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

 

            Eph 4,17-32 nach "Hoffnung für alle": Darum hat mir der Herr aufge­tragen, euch in aller Deutlichkeit zu sagen: Lebt nicht länger wie Men­schen, die Gott nicht kennen! Ihr Denken ist verkehrt und ohne Ziel, denn ohne Gottes Licht ist es fin­ster in ihnen. Sie wis­sen nicht, was es bedeutet, mit Gott zu leben, und wider­setzen sich ihm hart­näckig. Ihr Gewissen ist abgestumpft, deshalb geben sie sich allen nur denk­baren La­stern hin und sind in ihrer Gier, das Leben zu genie­ßen, unersätt­lich.

            (20) Aber ihr habt gelernt, daß solch ein Leben mit Christus nichts zu tun hat. Was Jesus wirklich von uns erwartet, habt ihr gehört und auch verstanden: Ihr sollt euch von eurem alten Leben, dem "alten Men­schen" mit all seinen trügeri­schen Leiden­schaften end­gül­tig tren­nen und euch nicht länger selbst zer­stören. Gottes Geist will euch mit einer völlig neuen Gesin­nung erfüllen. Ihr sollt den "neuen Men­schen" anzie­hen, wie man ein Kleid an­zieht. Diesen neuen Menschen hat Gott selbst nach seinem Bilde geschaffen; er ist ge­recht und heilig, weil er sich an das Wort der Wahr­heit hält.

            Belügt euch also nicht länger, sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines Leibes, der Gemeinde Jesu. Wenn ihr zornig seid, dann macht es nicht noch schlim­mer indem ihr unver­söhn­lich bleibt. Laßt die Sonne nicht unterge­hen ohne daß ihr euch vergeben habt. Gebt dem Teufel keine Chancen Unfrieden zu stiften. Wer frü­her gestohlen hat und davon lebte, der soll sich jetzt eine ehr­liche Arbeit su­chen, damit er Notleiden­den helfen kann. Redet auch nicht schlecht vonein­ander. Was ihr sagt, soll für jeden gut und hilf­reich sein, eine Wohltat für alle. Sonst beleidigt ihr den heiligen Geist, den Gott euch gegeben hat. Er ist doch euer Bürge dafür, daß der Tag der Erlösung kommt, an dem ihr von aller Sünde befreit seid.

            Mit Bitterkeit, Jähzorn, Wut, gehässigem Gerede oder anderen Gemein­heiten sollt ihr nichts mehr zu tun haben. Seid vielmehr freundlich und barmher­zig, immer bereit, einander zu vergeben, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.

 

            1.Petr. 2,2 ("Hoffnung für Alle"): Wie ein neugeborenes Kind nach der Milch schreit, so sollt auch ihr nach dem unver­fälschten Wort Gottes verlangen. Dann werdet ihr im Glauben wachsen und das Ziel errei­chen.

 

            Joh 14, 6 ("Hoffnung für alle"): Jesus antwor­tete: "Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit und ich bin das Leben! Ohne mich kann nie­mand zum Vater kommen. Kennt ihr mich, dann kennt ihr auch meinen Vater.

 

            Mit dieser Mahnung weist Johannes der Täufer den gläubigen Christen ernst und bestim­mend den Weg zum gottgefälligen Leben. Er zeigt damit aber auch ganz deutlich, daß es mehr als nur den Teil des Lebens gibt, den wir sehen.

 

            Wenn wir nun die einzelnen Bilder des Isenheimer Altars von den Heili­gendar­stellun­gen im Schrein und der dritten Schauseite bis zum Aufruf zur Heiligung durch Johannes den Täufer auf der ersten Schauseite verfolgen, dann könnte über dem Isenheimer Altar das Motto

 

Vom Hei­li­gen­kult zur Hei­li­gung

 

stehen. Ist die Heiligung ein anzustrebendes Ziel für jeden Christen, so birgt die Heiligen­verehrung ‑ und das tat sie besonders zu Mathis' Zeiten ‑ die Gefahr des Um­schlagens in einen Heiligenkult und damit zur Über­tretung des ersten Gebo­tes:

 

            2Mo 20,1: Und Gott redete alle diese Worte: (20,2) Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. (20,3) Du sollst keine andern Götter haben neben mir. (20,4) Du sollst dir kein Bildnis noch irgend­ein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: (20,5) Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, (20,6) aber Barmherzig­keit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (20,7) Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht miß­brauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.

 

Melanchthon sagt im Augsburgischen Bekenntnis [7] über die Heiligenver­ehrung:

 

            Arti­kel 21 (EKG S. 1202): Über die Heiligen­verehrung: Über die Ver­ehrung der Heili­gen wird von den Unse­ren ge­leh­rt, daß man der Heili­gen geden­ken soll, damit unser Glau­be da­durch ge­stärkt wird, wenn wir sehen, wie Ihnen gehol­fen worden ist. Außer­dem soll man sich an ihren guten Wer­ken ein Bei­spiel neh­men, jeder für seinen Le­bens­be­reich (ur­sprüng­l. Be­ruf).­.. Aus der Heili­gen Schri­ft läßt sich aber nicht bewei­sen, daß man die Heili­gen anru­fen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. "Denn es ist ein Gott und ein Mitt­ler zwi­schen Gott und den Men­schen, nämlich der Mensch Chri­stus Jesus" (1. Timot­heus 2,5).

 

            Auch so kann man Mathis, den Maler des Isenheimer Altars als einen Men­schen im Span­nungsfeld der Refor­mation bzw. der Vorreformation betrachten. Einerseits arbeitet er für einen Or­den, der von der Heiligenverehrung, ja vielleicht sogar vom Heiligen­kult, lebt, anderer­seits ist für ihn Jesus Christus der einzige Erlöser, der sich für unsere Sün­den geopfert hat und der einzige Weg zum himm­lischen Vater.

            Aufgrund der Parallelität der Bildinhalte zur Bibel scheint es mir wahrschein­lich, daß Mathis der Maler sehr stark zum "allein die Schrift" der späteren Reforma­tion tendierte und die Bibel wohl den meisten zeitgenössischen Erbauungs- oder gar Legenden­büchern vorzog. Inwieweit er aber auch das "allein aus Gnade" (Rettung allein aus Gnade Gottes und nicht durch eigene gute Werke), um das auch Luther gerade in dieser Zeit gerungen hat, schon be- und ergriffen hat, vermag wohl kein Mensch zu sagen. Einiges spricht dafür, besonders das Bildnis des auferstande­nen Christus: In jener Zeit herrschte im Volk die Vorstellung von Christus dem Richter: Gnade und Erbarmen suchte man bei Maria, die ihren Sohn versöhnen sollte. Sie rückte daher ganz von selbst in den Vorder­grund der Frömmigkeit, die nach Gnade und Heil verlangte [12]S. 163, §191. Im Auferste­hungs­bild des Isen­heimer Altars hat aber Jesus einen sehr gnädigen und liebeollen Ausdruck und weniger die Züge eines strengen Richters. Das läßt darauf schlie­ßen, daß der Autor des Isenheimer Altars auch die Gnade Jesu kannte.                                                                                                   S. D. G.

 

Lite­ratur

 

            Die Bibel­zitate stammen größtenteils aus der revidierten Ubersetzung nach Martin Luther (1985). Die ursprüngliche Lutherübersetzung baute auf der lateini­schen Vulgata auf, die auch dem Maler zur Verfügung gestanden haben dürfte. An einigen Stellen, fand die sprachlich moderne Übertragung des Neuen Testaments Hoff­nung für Alle Ver­wendung. Die Einheits­übersetzung kann ebenso verwendet werden.

 

[1]       Geissler, Heinrich: Meister Mathis ‑ Leben und Werk. In: Grünewald, Mat­thias: Der Isenheimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.

[2]       Mischlewski, Adalbert: Die Antoniter und Isenheim. In:  Grünewald, Mat­thias: Der Isen­heimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.

[3]       Saran, Bernhard: Von der Macht des Wortes im Bild. In: Grünewald, Mat­thias: Der Isenheimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.

[4]       Klauser, Theodor (Hrsg.): Reallexikon für Antike und Christentum; Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1969.

[5]       Lexikon für Theologie und Kirche, Herder 1968.

[6]       Geissler, Heinrich: Der Altar ‑ Daten und Fakten im Überblick. In: Grüne­wald, Matthias: Der Isen­heimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.

[7]       Evangelisches Kirchengesangbuch, Ausgabe für die Evangelische Landes­kirche in Württemberg; 41. Auflage der Ausgabe von 1953; Verlag des Evan­gelischen Gesang­buchs Stuttgart, 1991.

[8]       Groner, A: Die Geheimnisse der Isenheimer Altars in Colmar. Straßburg 1920 (Heitz): Studien zur deutschen Kunstgeschichte; Heft 212.

[9]       Mellinkoff, Ruth: The Devil at Isenheim, Reflections of Popular Belief In Grünewalds´s Altarpiece. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London, 1988.

[10]     Lanckoro_ska, Maria: Matthäus Gotthart Neithart; Sinngehalt und histori­scher Untergrund der Gemälde, Roetherverlag, Darmstadt, 1963.

[11]     Kühn, Dr. Wolfgang: Grünewalds Isenheimer Altar als Darstellung mittel­alterlicher Heilkräuter. In: Kosmos, Heft 12, Dezember 1948, 44. Jahrgang, S. 327-333.

[12]     Müller, D. Karl: Kirchengeschichte, zweiter Band, erster Halbband. J.C.B. Mohr, Tübin­gen, 1911.

[13]     Behling, Lottlisa: Mattias Grünewald. Karl Robert Langewiesche Nachfolger, Hans Köster,  Königstein im Taunus, 1969.

  

Vorgelegt von

 

Dr.-Ing. Jürgen Seekircher

 

27. Februar 1994/23. Mai 1994, nochmals durchgesehen am 4. Februar 1995

 

Herrn Dr. Bertold Schulz aus Karlsruhe danke ich für die Durchsicht.

 

Weiterhin habe ich vielen Zuhörern meiner Diavorträge und Besuchern des Unter­lindenmuseums in Colmar für anregende Fragen, Hinweise und Anmerkungen zu danken.

 

Anregungen und Korrekturen sind erwünscht.

 
 
     
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