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Der
Isenheimer Altar
Eine
andere Interpretation
Der vorliegende Versuch
der Interpretation geht von der Annahme aus, daß Mathis der Maler ‑ oder
wer auch immer das Programm des Altarwerkes prägte ‑ ein bibelkundiger
und sich auf die Bibel beziehender Mensch war. Dieser Interpretationsversuch
beruht auf einem Bibelstudium und der These, daß die meisten biblisch belegten
Bildinhalte auch durch eine biblisch fundierte Interpretation oder Auslegung
ergänzt oder gar erst zugänglich gemacht werden können.
Die Voraussetzung dafür
ist die Annahme, daß der Maler über gute Bibelkenntnisse verfügte und sich
auf die Bibel berief. Er stand zeitlich am Vorabend der Reformation,
vielleicht auch im Umkreis der Devotio Moderna oder des frühen
Humanismus, und sah sich wohl manchmal zwischen der biblischen Lehre und den
von der damaligen Kirche gelehrten Dogmen und Praktiken. Der Maler scheint
einigen Dogmen und den Auswüchsen durchaus kritisch gegenüber gestanden zu
haben. Er könnte demnach eher reformatorisch gesinnt gewesen sein, der etwa
so ‑ wie es später auch Luther ausdrückte ‑ empfand: "Das Wort
sie sollen lassen stahn". Aus dem Lebensbild, das Heinrich Geissler
zeichnet [1] und das auf Zülch zurückgeht, kann man dieses auch herauslesen.
Schließlich wurden demnach in des Malers Nachlaß lutherische Schriften in
einem Holzkasten eingenagelt gefunden [1]. Einen Kontakt zu den Bauernaufständen
vermutet man. Allerdings ist die historische Persönlichkeit des Malers wieder
in die Diskussion der Kunsthistoriker geraten.
Im Bildwerk des
Isenheimer Altars selbst könnte man einige Punkte vorsichtig auf die biblische
Sichtweise hin deuten. Johannes der Täufer hält demonstrativ die Bibel in der
Hand und beruft sich damit deutlich auf das Wort Gottes. Ebenso zeigt die
Prophetenfigur im Verkündigungsbild die Heilige Schrift und verweist darauf,
daß das alles so geschrieben steht. Im Bild der Versuchung des Antonius ist
ebenfalls ein dickes Buch, wahrscheinlich eine Bibel zu sehen, die der
vermutlich Kranke festhält.
Selbstverständlich kann
auch die hier vorliegende Interpretation nicht bewiesen werden. Ein strenger
Beweis ist außerhalb der Mathematik ohnehin nicht möglich. Bereits in den
Naturwissenschaften wie z. B. der Physik ist die Richtigkeit einer Theorie
oder These nicht streng beweisbar, allenfalls beleg- und erhärtbar. In allen
historischen Wissenschaften vermißt man einen Beweis besonders heftig. Oft
fehlen die Quellen und wo sie vorhanden sind, wissen wir nicht ob sie
vollständig und wahrhaftig sind. So müssen auch meine Auslegungsversuche zum
Isenheimer Altar letztlich Spekulation bleiben, auch wenn ich sie für in sich
schlüssig halte. Sicherlich gibt es auch eine Reihe ernstzunehmender Argumente
gegen diesen Interpretationsversuch, der nicht dem Umfeld der strengen
kunsthistorischen Forschung entstammt. Zumindest dürften die dargelegten
Gedanken über den Isenheimer Altar der Diskussion wert sein, schließlich
können sie zur Entschärfung einiger Probleme der gängigen Interpretationen
beitragen.
Wahrscheinlich hat der
Maler auch außerbiblische Symbolik mit in sein Werk aufgenommen. An manchen
Stellen kann man auch zwei Interpretationen sehen. Diese Doppeldeutigkeit
könnte naheliegend auch im Verhältnis zum Auftraggeber, den Antonitern oder
der Kirche zu suchen sein. Waren diese Parteien, oder zumindest eine davon,
der biblischen Sichtweise eher abgeneigt oder bestanden sie auf eine bestimmte
Darstellung, so mußte es dem Maler gelingen, sein Werk so zu schaffen, daß
sowohl die gewünschte als auch die eigene Interpretation möglich war. Daß
zumindest eine der erwähnten Parteien der biblischen Sichtweise nicht freundlich
gesonnen gewesen sein dürfte läßt sich leicht vermuten. Schließlich erhielten
die Antoniter (und viele Teile der damaligen Kirche) einen Teil ihrer Einnahmen
aus der monopolisierten Verehrung des Antonius (bzw. anderer Heiliger),
dessen Reliquien und dem widerbiblischen Ablaßhandel. Nach Adalbert Mischlewski
wurden den Antonitern durch die Reformation letztlich die wirtschaftliche
Grundlage entzogen [2].
Dies konnte wohl auch
Mathis der Maler voraussehen oder zumindest erahnen: So könnte er im Spannungsfeld
zwischen Broterwerb und seinen theologisch "reformatorischen"
Einsichten gewesen sein. Das hätte für ihn mit ein Grund sein können, in
seinen späteren Lebensjahren sein Geld vermehrt nicht nur durch die Kunst
sondern auch durch die Technik zu verdienen - falls das derzeit verbreitete,
auf Zülch zurückgehende Lebensbild stimmt. Vielleicht hatte aber der Maler zur
Zeit der Entstehung des Altars selbst noch keine endgültige Meinung über diese
Glaubensfragen, sondern befand sich noch im inneren Ringen um die Wahrheit.
Dies ist möglich, scheint mir aber aufgrund der eher deutlichen Aussagen über
die Antoniter, die dem Bildnis des Antonius entnommen werden können (s. u.)
eher unwahrscheinlich.
Der Maler verzichtet
auch schon weitgehend auf die Nimben (Heiligenscheine), die ja aus dem Feld
der heidnischen Götterdarstellungen stammen. Antonius, Paulus und Sebastian
werden naturalistisch ohne Nimben dargestellt. Bei der Verkündigung ist
Maria von keinem Nimbus umkränzt. Die Geistestaube aber ist von einem solchen
umgeben. Maria und Jesus erhalten im Weihnachtsbild nur einen schwachen
Nimbus, während Jesus bei der Auferstehung wie die Sonne strahlt. Bei der
Kreuzigung und Grablegung wird wieder auf jeden Nimbus verzichtet. Man kann
nun darin eine Erscheinung der Zeit sehen. Schließlich verzichten in dieser
Zeit auch einige andere Künstler, besonders in Italien, auf die Heiligenscheine.
Vielleicht ist es aber auch eine gewollte Aussage des Malers, auf eine
göttliche Einschätzung von Menschen bewußt zu verzichten.
Die folgenden
Ausführungen beschränken sich weitgehend auf solche Aspekte, die die allgemein
verbreiteten Interpretationen ergänzen können oder auch zu diesen kontrastieren.
Zur Beschreibung der allgemeinen Betrachtungsweisen sei auf die vielfältige
Literatur verwiesen, besonders auf das im Literaturverzeichnis aufgeführte,
von Max Seidel herausgegebene Buch, das in vorbildlicher Weise hervorragendes
Bildmaterial mit sehr gut aufbereiteten wissenschaftlichen Hintergrundinformationen
bei gutem Preis und Verfügbarkeit vereint.
Bei der Betrachtung des
Altars möchte ich entgegen der üblichen Tradition von innen nach außen
vorgehen, also beim Schrein beginnen.
Die Personen zeigen aufeinander
Bereits bei der
Betrachtung des Schreins fällt auf, wie sehr die einzelnen Personen aufeinander
hinweisen und aufeinander zeigen: Hieronimus, Augustinus, Jean d'Orlier und
der Bauer zeigen auf Antonius. Christus weist nach oben auf den himmlischen
Vater und auch die Apostel zeigen aufeinander bzw. auf verschiedene
Gegenstände. Mathis der Maler führt diese Art der Akzentuierung fort. So weist
Antonius auf Paulus und Paulus zumindest vordergründig auf Antonius (dritte
Schauseite, Antonius trifft Paulus).
Auf der zweiten
Schauseite weist der Verkündigungsengel Gabriel in die Mitte zwischen der den
heiligen Geist symbolisierenden Taube und Maria. Er weist damit auf Jesus
Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen (s. u.). Nicht nur
des Engels Hand sondern auch der Zipfel seines Gewandes zeigen auf den unsichtbaren
Jesus. Die musizierenden Engel weisen auf Christus. Ebenso die lichtumflutete
Frau mit der Flammenkrone, die man als Christus anbetend ansehen kann. Der
auferstandene Christus weist mit beiden Händen nach oben zum himmlischen Vater
hin. Verlängert man seine Daumen und Zeigefinger, so erhält man ein Dreieck,
was auch als Symbol der Trinität gedeutet werden könnte. Johannes der Täufer
weist deutlich auf Christus, ebenso das Opferlamm. Die beiden Frauen unter dem
Kreuz zeigen betend zu Jesus und sogar des Apostels Johannes rechte Hand könnte
man mit einigem guten Willen als auf den Christus weisend ansehen.
Hält man bei der ersten
Schauseite mit den meisten Kunstwissenschaftlern (vgl. auch Geissler, Harnest
und Saran [6]) an der früheren Anordnung der Seitenbilder fest, so zeigt Sebastian
auf Jesus, vielleicht betet er ihn an. Auffallend ist jedenfalls die
Parallelität der Arm- und Handhaltung von Sebastian und Johannes, so daß sich
aus beiden ein besonders eindringliches Zeigen auf Jesus ergäbe. Auch Antonius
wendet sich auf seine Weise Jesus zu. Diese Aufstellung scheint damit auch in
der vorliegenden Interpretationsweise sinnvoller als die derzeit vorhandene.
Dritte Schauseite
Den eigentlichen
Interpretationsversuch möchte ich mit der dritten Schauseite beginnen. Bei
der Versuchung des Antonius finden wir bereits den Kampf zwischen
Engeln und Teufeln. Der Maler läßt uns bereits hier einen Blick in seine Vorstellung
der unsichtbaren Welt werfen. Das Vorhandensein einer solchen unsichtbaren
Welt und der sich darin befindenden Engel und Teufel wird durch die ganze
Bibel hindurch bezeugt: 1 Mo 16,7; 19,1.15; Lk 15,10; 1 Petr
1,12; 1 Kor 6,3; Joh 8,44; Jud 6; 2 Petr 2,4; Eph 6,12; Röm 8,38.
Die angreifenden
Dämonen werden in der Literatur (z. B. [10]) auch als die Todsünden
angesehen. Das ist möglich, aber nicht zwangsläufig; zu sehen sind im Hintergrund
auch die Kämpfe der Engel mit den Teufeln (vgl. Dan 10,13), die in der unsichtbaren
Welt stattfinden und in der Bibel bezeugt sind.
Interessant und für die
genauen Naturkenntnisse des Malers kennzeichnend sind die Heilpflanzen im Bild
"Antonius trifft Paulus", die parallel zu dem vermutlich Kranken im
Versuchungsbild angeordnet sind [11].
Zweite Schauseite
Die zweite Schauseite
beginnt mit der Verkündigung wie sie im Lukasevangelium beschrieben
ist:
Lk 1,26: Und im sechsten Monat wurde
der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt
Nazareth, (1,27) zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef
vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. (1,28) Und der Engel kam zu ihr
hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! 1:29 Sie
aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? (1,30) Und der
Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott
gefunden. (1,31) Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und
du sollst ihm den Namen Jesus geben. (1,32) Der wird groß sein und Sohn des
Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters
David geben, (1,33) und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und
sein Reich wird kein Ende haben. (1,34) Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll
das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? (1,35) Der Engel antwortete und
sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten
wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes
Sohn genannt werden. (1,36) Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch
schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von
der man sagt, daß sie unfruchtbar sei. (1,37) Denn bei Gott ist kein Ding
unmöglich. (1,38) Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir
geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.
Maria las in der Bibel die zugehörige Jesajastelle:
Jes 7,14: .. Siehe, eine Jungfrau
ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.
Jesaja in der linken
oberen Ecke zeigt nochmals bestärkend diesen Bibeltext. Der Engel zeigt nicht
direkt auf Maria, sondern zwischen Maria und die Taube. Er zeigt meiner Ansicht
nach auf Jesus Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen. Noch ist
Jesus Christus unsichtbar, doch dort, wo wir den Mittler zwischen Gott und den
Menschen erwarten, sehen wir einen leichten Lichtschein auf dem hinteren
dunklen Vorhang. Jesus Christus hat für unsere Schuld bezahlt und wurde so zum
Mittler zwischen Gott und Mensch. Durch ihn haben wir die Erlösung von unserer
Sünde und den Zugang zu Gott (1Tim 2,5.6):
1Tim 2,5: Denn es ist ein Gott
und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus
Jesus, (2,6) der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, daß dies zu
seiner Zeit gepredigt werde.
Die beiden Mittelbilder
der zweiten Schauseite stellen das Engelskonzert und die Geburt Christi
dar. Die möglichen Interpretationen sind vielfältig. Ich möchte mich auf einen
Aspekt beschränken: Die linke Tafel, das Engelskonzert zeigt nach meiner
Ansicht die Vorgänge der unsichtbaren Welt, während die rechte sich
weitgehend auf die sichtbare Welt beschränkt. Die Engel in der
unsichtbaren Welt freuen sich über die Geburt Christi und das begonnene Erlösungswerk,
das zur Erlösung vieler Menschen und damit zu weiterer Freude Anlaß gibt.
Auch die geheimnisvolle
lichtumflutete Frau ist Teil der unsichtbaren Welt. Sie ist hell gekleidet,
freut sich über die Geburt Christi und betet ihn an. Ihr langes, offenes Haar
ist ein Zeichen dafür, daß sie unverheiratet ist. Mit dieser Kleidung und der
Krone erinnert sie an eine Braut. Einige Male wird in der Bibel die Gemeinde
Jesu (Ecclesia = Kirche) als Braut Jesu und Jesus als Bräutigam der Gemeinde
bezeichnet. Immer wieder wird auch das eheliche Verhältnis mit dem Verhältnis
zwischen Gott und den Menschen verglichen:
Eph 5,25: Ihr Männer, liebt eure
Frauen, wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich für sie
dahingegeben, (5,26) um sie zu heiligen. Er hat sie gereinigt durch das
Wasserbad im Wort, damit er (5,27) sie vor sich stelle als eine Gemeinde, die
herrlich sei und keine Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern
die heilig und untadelig sei. (5,28) So sollen auch die Männer ihre Frauen
lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst.
(5,29) Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt; sondern er nährt und
pflegt es, wie auch Christus die Gemeinde. (5,30) Denn wir sind Glieder seines
Leibes. (5,31) »Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner
Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein« (1.Mose 2,24). (5,32) Dies
Geheimnis ist groß; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.
Off 19,7: Laßt uns freuen und
fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist
gekommen, und seine Braut hat sich bereitet. (19,8) Und es wurde ihr gegeben,
sich anzutun mit schönem reinem Leinen. Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit
der Heiligen.
Off 22,16: Ich, Jesus, habe meinen
Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel
und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern. (22,17) Und der Geist und die
Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der
komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.
Mt 9,14: Da kamen die Jünger des
Johannes zu ihm und sprachen: Warum fasten wir und die Pharisäer so viel, und
deine Jünger fasten nicht? (9,15) Jesus antwortete ihnen: Wie können die
Hochzeitsgäste Leid tragen, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es wird aber
die Zeit kommen, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie
fasten.
Die Krone mit der die Brautgemeinde gekrönt ist, erinnert stark an die
Flammenzungen des Pfingstereignisses:
Apg 2,1: Und als der Pfingsttag
gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. (2,2) Und es geschah
plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das
ganze Haus, in dem sie saßen. (2,3) Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt,
wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, (2,4) und sie
wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern
Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.
Auch darin kann man
eine Bekräftigung der Gleichsetzung der lichtumfluteten Frau mit der Gemeinde
Christi sehen. Eine aus biblischer Sicht problematische Maria aeterna
braucht dann nicht mehr zur Erklärung herangezogen werden. Diese Meinung
wurde auch schon 1920 von Groner [8] geäußert. Sie kann auch durch die
Gesamtanordnung des Mittelbildes gestärkt werden. Gottvater, Jesus und Flammenkrone
über der lichtumfluteten Frau lassen sich durch ein Dreieck verbinden. Dieses
Dreieck ließe sich als Symbol für die Trinität deuten: Gottvater, Jesus
Christus, Sohn Gottes und der Heilige Geist bei der Gemeinde Jesu.
Die Unterbringung der
Gemeinde Jesu im Bereich der unsichtbaren Welt ist biblisch begründet. Aus der
Sicht Gottes entscheidet die Stellung zum Evangelium, zu Christus und Gott, d.
h. der Glaube und seine Frucht, über die Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu
(= ecclesia = Kirche). Eben darum ist die Gemeinde Jesu (Kirche)
den leiblichen Sinnen verborgen, unsichtbar: kein Mensch kann von dem andern
wissen, ob er Glied der Gemeinde Jesu (Kirche) sei, ob er wahrhaftig glaube,
hoffe, liebe und lebe, oder ob er wirklich von ihr ausgeschlossen sei, weil er
von alle dem nichts habe [12].ziemlich
wörtlich aus Müller 2/1, S. 235.
Über der
lichtumfluteten Frau halten zwei Engel eine Krone, die üblicherweise als
Marienkrone bezeichnet wird. Aber auch dieser Begriff findet sich in der Bibel
nicht. Wohl aber wird von einem Siegeskranz gesprochen, den der überwindende
Christ nach dem Tode erhält (1Kor 9,25; 2Tim 4,8; 1Petr 5,4; Jak 1,12;
Offb 2,10 und 3,11). Das ergibt einen weiteren Bezug auf die Gemeinde der
Gläubigen.
2Tim 4,7: Ich habe den guten Kampf
gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; (4,8) hinfort
liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der
gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch
allen, die seine Erscheinung lieb haben.
Off 2,10: .. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir
die Krone des Lebens geben.
Aus dem Weihnachtsbild
scheint unten rechts der mit einem Tuch bedeckte Waschzuber in das
Engelskonzert hineinzureichen. Dieser Waschzuber wird im allgemeinen als
Geburtsrequisit angesehen. Aber er steht zum weitaus größten Teil im Engelskonzert
und damit in der unsichtbaren Welt. Hat der Maler für diesen Waschzuber im
Weihnachtsbild einfach keinen Platz mehr gefunden? Das könnte sein, scheint
aber recht unwahrscheinlich, denn er hätte ihn auch genauso gut weglassen
können. Eine andere Interpretation könnte hier helfen: Der abgedeckte Waschzuber
könnte eine Metapher für ein Taufbecken und damit für die Taufe selbst sein.
Durch die bekennende und angenommene christliche Taufe wird den Menschen die
Reinwaschung von der Schuld plastisch gemacht. Die Taufe ist ein Kennzeichen
der christlichen Gemeinde. Diese Taufe bezieht sich auf die Gemeinde, die ja
über dem Waschzuber dargestellt ist und nicht auf Jesus, denn der wurde bei
seiner Geburt nicht getauft, schon gar nicht zur Reinigung von Sünden. Er wurde
von Johannes, der ebenfalls eine wichtige Rolle im Gesamtzusammenhang des
Isenheimer Altars spielt, getauft, um "alle Gerechtigkeit zu
erfüllen".
Von dem vermutlichen
Taufgefäß ist nur ein sehr kleiner Teil in der sichtbaren Welt
(Weihnachtsbild) dargestellt. Die sichtbare Auswirkung der Taufe ist meist sehr
klein, der größte Teil der Wirksamkeit liegt in der unsichtbaren Welt. Die
Glaskaraffe könnte man in diesem Zusammenhang als Gefäß für Salböl z. B.
für Taufzwecke deuten und der Nachttopf neben dem Waschzuber könnte die Unreinheit
der Sünde darstellen. Die zerrissene Windel des Jesuskindes finden wir bei der
Kreuzigung wieder. Zusammen mit der in dieser Aufstellung sichtbaren
Grablegung auf der Prädella ist sie ein Vorbote auf den Opfertod Jesu.
So könnte man denn auch einige Stationen des Lebens eines Christen
sehen: Wir beginnen mit der Unreinheit der Sünde (Nachttopf), die durch den
Opfertod Christi (Grablegung) und das Bekenntnis weggenommen wird. Mit der
angenommenen und bekennenden Taufe wird der Christ Mitglied der Gemeinde Jesu
und mit dem heiligen Geist versehen (Flammenkrone). Nach dem Tode wird der
überwindende Christ mit einer Ehrenkrone (Siegeskranz) bekränzt.
Die Gesamtkonstellation
mit sichtbarer und unsichtbarer (hier heiliger) Welt, den Symbolen der Reinigung
von der Schuld, dem Vorhang zwischen den beiden Welten und der unmittelbarer
Nähe von Jesus Christus sowie den Vorboten für seinen Opfertod (Windel und
Grablegung) erinnert an eine Stelle im Hebräerbrief:
Hebr 10,19: Weil wir denn nun, liebe
Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum,
(10,20) den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den
Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, (10,21) und haben einen Hohenpriester
über das Haus Gottes, (10,22) so laßt uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen
in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen
Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.
Die "Hoffnung für alle", eine Übertragung der Bibel ins
heutige Deutsch erläutert diese Passage:Interessanterweise ist die Stelle Hebr. 10, (19-22), 23-25 Ein Predigttext
zum ersten Advent! Anmerkung 3.12.95/See
Hebr 10,19 (Hoffnung für alle): Und
so, liebe Brüder, können wir jetzt durch das Sterben Jesu Christi, durch das
Opfer seines Blutes frei und ungehindert in das Heiligtum eintreten und zu Gott
selbst kommen. (10,20) Christus hat sein Leben geopfert und damit den Vorhang
niedergerissen, der uns von Gott trennte. So hat er nun einen neuen Weg
gebahnt, der zum Leben führt. (10,21) Als unser Hohepriester herrscht er nun
über das Haus Gottes, seine Gemeinde. (10,22) Darum wollen wir uns Gott nähern
mit aufrichtigem Herzen und im festen Glauben; denn das Blut Jesu Christi hat
uns von unserem schlechten Gewissen befreit, und durch das Wasser der Taufe
sind wir von aller Schuld reingewaschen.
Unter dieser Betrachtungsweise fällt es auch schwer, den grünen Engel im
Engelskonzert als Teufel zu deuten, wie das in der Literatur [9] zu finden
ist.
Im Hebräerbrief wurde
Jesus auch als Hohepriester der Gemeinde bezeichnet (Hebr 10,21 s. o.).
Zieht man weiter den Hebräerbrief zu Rate, dann könnte man auch eine Hilfe für
die Interpretation der Segnung auf dem Baldachin über der lichtumfluteten Frau
sehen:
Hebr 6,19: Diese haben wir als einen
sicheren und festen Anker unsrer Seele, der auch hineinreicht bis in das
Innere hinter dem Vorhang. (6,20) Dahinein ist der Vorläufer für uns gegangen,
Jesus, der ein Hoherpriester geworden ist in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.
(7,1) Dieser Melchisedek aber war König von Salem, Priester Gottes des Höchsten;
er ging Abraham entgegen, als der vom Sieg über die Könige zurückkam, und
segnete ihn; (7,2) ihm gab Abraham auch den Zehnten von allem. Erstens heißt er
übersetzt: König der Gerechtigkeit; dann aber auch: König von Salem, das ist:
König des Friedens. (7,3) Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum, und
hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleich er dem Sohn Gottes
und bleibt Priester in Ewigkeit.
Es liegt daher nahe, auf dem Baldachin die Segnung Abrahams durch
Melchisedek, den Hohepriester und Vorboten Jesu zu sehen.
Die Engelschar in der Glorie um Gottvater erinnert ebenfalls an den
Hebräerbrief:
Hebr 12,22: Sondern ihr seid
gekommen zu dem Berg Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes, dem
himmlischen Jerusalem, und zu den vielen tausend Engeln, und zu der Versammlung
(12,23) und Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel aufgeschrieben sind, und
zu Gott, dem Richter über alle, und zu den Geistern der vollendeten Gerechten
(12,24) und zu dem Mittler des neuen Bundes, Jesus, und zu dem Blut der
Besprengung, das besser redet als Abels Blut.
Auch hier hilft wieder die "Hoffnung für alle":
Hebr 12,22: Ihr dagegen seid zum
Berg Zion gekommen und in die Stadt des lebendigen Gottes. Das ist das
himmlische Jerusalem, wo ihr Gott zusammen mit seinen vielen tausend Engeln
voll Freude anbetet. (12,23) Ihr gehört zu seinen Kindern, die er besonders
gesegnet hat und die ein Bürgerrecht im Himmel haben. Ihr habt eure Zuflucht zu
Gott genommen, der alle Menschen richten wird. Ihr gehört zu derselben großen
Gemeinde wie alle diese Vorbilder des Glaubens, die bereits am Ziel sind und
Gottes Anerkennung gefunden haben. (12,24) Ja, ihr seid zu Jesus selbst
gekommen, durch den Gott einen neuen Anfang mit uns Menschen gemacht hat. Um
euch von euren Sünden zu reinigen, hat Christus am Kreuz sein Blut vergossen.
Das Blut Abels, der von seinem Bruder umgebracht wurde, schrie nach Rache, aber
das Blut Christi spricht von Vergebung.
Man könnte damit in dem
Berg im Hintergrund des Weihnachtsbildes eine Anspielung auf den Berg Zion
sehen.s. auch Fraenger
Das Weihnachtsbild
(Geburt Christi) enthält u. a. zwei
symbolische Pflanzen. Die Feige zur Linken Jesu (vom Betrachter aus gesehen)
und die Rosen zur Rechten. Hier kann man eine - zugegebenermaßen recht
gewagte ‑ neue Interpretation sehen: Neben vielen anderen Möglichkeiten
kann die Feige auch als Symbol für das Judentum und damit den alten Bund verstanden
werden [4]. Die Rose ist auch das Symbol für das Martyrium der christlichen
Kirche und auch für Christum selbst [5]. Das ist auch den vorreformatorischen Strophen des bekannten Weihnachtslieds
"Es ist ein Ros' entsprungen" zu entnehmen. Wenn wir nun
die Rose als Symbol für Christum, die christliche Gemeinde und den Neuen Bund
sehen wollen, dann gibt sich folgendes Bild: Links die Feigen als Repräsentanten
des alten Bundes, rechts die Rosen für den Neuen Bund. Dazwischen ist Jesus
als Mittler und Übergang. Jesus ist nicht nur der Mittler zwischen Gott und den
Menschen (1Tim 2,5.6 s. o.), sondern auch zwischen Altem und Neuem Bund
(Hebr 12,24; s.o.).
Die Auferstehung zeigt Jesus als das Licht
der Welt, wie es im Johannesevangelium geschildert ist:
Joh 1,4: In ihm war das Leben, und
das Leben war das Licht der Menschen. (1,5) Und das Licht scheint in der
Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. (1,6) Es war ein Mensch,
von Gott gesandt, der hieß Johannes. (1,7) Der kam zum Zeugnis, um von dem
Licht zu zeugen, damit sie alle durch ihn glaubten. (1,8) Er war nicht das
Licht, sondern er sollte zeugen von dem Licht. (1,9) Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. (1,10) Er war in der
Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.
(1,11) Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (1,12)
Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden,
denn, die an seinen Namen glauben, (1,13) die nicht aus dem Blut noch aus dem
Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren
sind.
Joh 8,12: Da redete Jesus abermals
zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird
nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Joh 12,46: Ich bin in die Welt
gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis
bleibe. (12,47) Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich
nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern
daß ich die Welt rette. (12,48) Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht
an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn
richten am Jüngsten Tage.
Sogar aus den Wunden Jesu bricht Licht hervor. Das Licht läßt keine
Finsternis, keine Sünde, unentdeckt und das Blut reinigt von Sünde:
Hebr 9,14: um wieviel mehr wird dann
das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist
Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen
dem lebendigen Gott!
Und in enger Beziehung zur Auferstehung fährt der Hebräerbrief fort:
Hebr 9,24: Denn Christus ist nicht
eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht ist und nur ein Abbild des
wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem
Angesicht Gottes zu erscheinen; (9,25) auch nicht, um sich oftmals zu opfern,
wie der Hohepriester alle Jahre mit fremden Blut in das Heiligtum geht; (9,26)
sonst hätte er oft leiden müssen vom Anfang der Welt an. Nun aber, am Ende der
Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde
aufzuheben.
Das Grabtuch erinnert
an ein Band, das die andauernde Verbundenheit Jesu mit den Menschen ausdrücken
könnte (Mt 28,20).
Mt 28,18: Und Jesus trat herzu und
sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. (28,19)
Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des
Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes (28,20) und lehret sie halten
alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis
an der Welt Ende.
Die Anordnung der
Auferstehung als viertes Bild der zweiten Schauseite ist für manche nicht
leicht zu erklären [3]; wird doch in der zweiten Schauseite oft ein Marienaltar
gesehen. Diese Deutung ist eine durchaus mögliche, schließlich ist Maria auf
drei von vier Bildern vertreten, wenn man die lichtumflutete Frau als Maria
aeterna sieht. Bei meiner Deutung dieser Gestalt als Gemeinde Jesu
ist Maria auf der zweiten Schauseite aber nur zweimal vertreten. Eine Deutung
als Marienaltar fällt schwerer. Viel leichter fällt damit aber eine Deutung
als Christusaltar: Auf allen vier Bildern hat Christus eine zentrale Bedeutung:
Bei der Verkündigung ist er zwischen Taube und Maria in zentraler Bildposition
als Mittler zwischen Gott und Menschen
(1Tim 2,5.6) zu denken. Er befindet sich damit auch nahe dem Kreuzungspunkt
der Zeigelinien des Fingers und des Gewandzipfels des Engels. Im
Engelskonzert freuen sich sowohl Engel als auch die Brautgemeinde über die
Geburt Jesu, weisen auf ihn hin und beten Ihn an. Im Weihnachtsbild befindet
sich der Kopf Jesu ziemlich genau im geometrischen Zentrum. Im Auferstehungsbild
steht Jesus unzweifelhaft im Zentrum des Betrachters. So kann man die zweite
Schauseite recht problemarm und in sich schlüssig als Geschichte Christi auf
Erden sehen. Bedenkt man, daß bei dieser Stellung des Altars die Prädella
ebenfalls sichtbar ist, dann kann auch der Kreuzestod Jesu impliziert werden.
Die erste Schauseite
Der Mittelteil der
ersten Schauseite stellt die Kreuzigung Christi dar. Links und rechts
davon kommen bei geschlossenem Altar die Seitenbilder mit den beiden Heiligen
Sebastian und Antonius zum Vorschein. Über die Frage der Anordnung der beiden
Heiligen wurde bereits gesprochen. Es soll nur noch auf einige Details
eingegangen werden, die in der allgemeinen Kunstbetrachtung bisher nur wenig
oder gar keine Beachtung gefunden haben, aber einiges über die Haltung des
Malers zu den Antonitern oder zumindest den bei ihnen geübten Praktiken
schließen lassen. Beide Seitenbilder sind sehr parallel aufgebaut: Die Heiligen
stehen auf von Rebengewächsen umrankten Sockeln und über ihren Köpfen sind
Fenster zu sehen. Gerade durch diese formale Parallelität kommen inhaltliche
Unterschiede besonders deutlich zum Vorschein: In dem Fenster über dem
Märtyrer Sebastian schweben Engel und halten einen goldenen Reif, den man als
Märtyrerkrone ansehen könnte. Das Fenster über Antonius hingegen ist ein
Fenster mit Butzenscheiben und läßt den Eindruck zu, daß Antonius in seinem
Kloster steht. Durch dieses Fenster bricht gerade ein Dämon in das Kloster ein.
Sein sichtbarer Atemhauch dringt bereits in den (Kloster-) Raum ein. Allgemein
wird das als Anspielung auf die Versuchung des Antonius angesehen. Aber man
könnte darin auch eine Anspielung auf die Situation im Antoniterorden sehen.
Das Böse (z. B. in Form von Ablaßhandel, Heiligenkult und anderen unbiblischen
Praktiken) bricht soeben in das Kloster bzw. den Orden ein ‑ die
Glasscherben fallen noch! Der Gesichtsausdruck des Antonius wirkt entsprechend
besorgt und traurig.
Auch die Sockel auf
denen die Heiligen stehen, unterscheiden sich in zweierlei Weise: Zum einen
herrschen bei dem Sockel des Antonius die Vierecke vor, was man als Symbol für
Weltlichkeit ansehen könnte, wogegen man im Sockel des Sebastian Dreiecke (die
drei ist die heilige Zahl) erkennen kann [10]. Das mit den Schuhen, das Fraenger erwähnt hat so seine Probleme:
In Mt 10, 10 steht: keine Schuhe (Sandalen) mitnehmen, in Mk 6,9 steht wohl
aber Schuhe mitnehmen (Sandalen unterbinden).Mt $10/9$ Verschafft
euch nicht Gold noch Silber noch Kupfer in eure
Gürtel, $10/10$
keine Tasche auf den Weg, noch zwei
Unterkleider, noch Sandalen,
noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner
Nahrung wert.
Mk $6/8$ Und er gebot ihnen, daß sie nichts mit
auf den
Weg nehmen sollten als nur einen Stab; kein
Brot, keine Tasche,
keine Münze im Gürtel, $6/9$ sondern Sandalen
untergebunden. Und
zieht nicht zwei Unterkleider an!Zum Zweiten ‑ und das ist meines Wissens nach bisher weitgehend
unbeachtet geblieben ‑ unterscheiden sich die Rebengewächse, die die Sockel
umranken, in einigen interessanten Punkten sehr stark voneinander. Die Reben
des Sebastian wirken ordentlich angebunden und gepflegt, während die des
Antonius, die nach [13] eigentlich zu den Zaunreben gehören (Zaunrübe, Bryonia
spec.), einen eher wild wuchernden und ungepflegten Eindruck hinterlassen.
Darüberhinaus sind sie deutlich sichtbar abgeschnitten! Das erinnert an
Johannes 15, wo Jesus sagt:
Joh 15,1: Ich bin der wahre
Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. (15,2) Eine jede Rebe an mir, die
keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird
er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. (15,3) Ihr seid schon rein um des
Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. (15,4) Bleibt in mir und ich in
euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am
Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. (15,5) Ich
bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der
bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (15,6) Wer nicht in
mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt
sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.
Bezieht man diese
Aussagen auf die Reben an den Sockeln, kann man einen starken Angriff gegen die
Antoniter bzw. ihre Praktiken ableiten: Sie haben wilde, ungebändigte Triebe
und Wucherungen gezeigt und sich von Jesus entfernt. Sie haben sich der Reinigung
entzogen. Deshalb konnten sie für die Sache Jesu keine Frucht mehr bringen. Die
Reben sind schon abgeschnitten und werden wohl bald verdorren, weggenommen und
verbrannt werden. Für die Antoniter könnte das eine Warnung sein: es ist
höchste Zeit zur Umkehr, oder vielleicht auch schon zu spät. Es ist mir
rätselhaft warum diese theologisch so klare Aussage nicht schon längst entdeckt
und zum Allgemeingut der Interpretation des Isenheimer Altars geworden ist.
Noch rätselhafter ist es, warum sie nicht von den Antonitern, namentlich von
deren Präzeptor und Auftraggeber des Altarwerkes, Guido Guersi, erkannt und
unterdrückt wurde. Wurde dem Altarwerk so geringe Aufmerksam geschenkt, oder
hatten sich die Antoniter schon so sehr von der Bibel entfernt, daß sie diese
Stelle nicht mehr kannten? Oder hat Guersi diese Aussage zumindest insgeheim
geduldet oder sogar unterstützt? Diese Spekulation läßt sich nicht ganz
ausschließen, denn von Guersi ist erstaunlich wenig bekannt. Eine Verbindung zu
den reformatorischen Kreisen in Straßburg um Geiler von Kaisersberg wäre
denkbar [10]. Einige Forscher wollen in dem besorgten Antonius ein Bildnis des
Präzeptors Guersi sehen. Setzt man eine kritische Einstellung Guersis
voraus, könnte man auch über den Mangel an Dokumenten über ihn spekulieren.
Aber damit würde man bei der derzeitigen Kenntnislage den Boden des auch nur
näherungsweise Nachvollziehbaren verlassen.
Zurück zum Mittelteil
der ersten Schauseite, der beherrschenden und ergreifenden Kreuzigung Christi.
Auf der rechten Seite fallen Johannes der Täufer und das Opferlamm auf. Beide
haben hier eigentlich nichts zu suchen. Johannes der Täufer war bei der Kreuzigung
Jesu bereits längst tot und das Opferlamm wurde im Tempel geschlachtet. Dies
läßt mich wieder eine Aufteilung der beiden Altarflügel in eine sichtbare
und eine unsichtbare Welt vermuten. Ähnlich wie das Engelskonzert und das
Weihnachtsbild und in chiastischer Stellung dazu. Hier ist die unsichtbare
Welt rechts und die sichtbare Welt links dargestellt.
Der Apostel Johannes
und die beiden Marien sind von den Ereignissen der sichtbaren Welt geprägt.
Verzweiflung, Angst, Verlorensein, Hilflosigkeit und Sorge ist aus ihren
Gesichtern abzulesen. So fühlen wir uns angesichts der Not, des Elends, der
Ungerechtigkeit und der Untreue der Welt immer wieder. Von der Auswirkung der
Kreuzestat Jesu sehen wir hier auf Erden oft nur ein wenig, so wie auf der
linken Altarseite nur ein Arm zu sehen ist. Der größere Teil des Körpers Jesu
und damit der größere Teil der Auswirkung seiner Kreuzestat sind im Bereich
der unsichtbaren Welt zu finden. Diese Spannung finden wir z. B. auch bei
Paulus in 2.Kor 4:
2Kor 4,16: Darum werden wir nicht
müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere
von Tag zu Tag erneuert. (4,17) Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht
ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, (4,18)
uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn
was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
Ein weiteres tröstet uns: Jesus wendet sich noch am Kreuz den Menschen
in der sichtbaren Welt zu (Joh. 19,27). Er läßt uns nicht allein. Der Maler
zeigt dies durch die Kopfhaltung des Gekreuzigten.
Halten wir an der alten
Anordnung der Heiligen Antonius und Sebastian fest, so steht Antonius und mit
ihm vor allem wohl die Antoniter auf der Seite der sichtbaren, materiellen, ja
vielleicht auch der materialistischen Welt.
Auf dem Flügel der für
die unsichbare Welt steht, ist auch das Opferlamm, welches das Opfer symbolisiert,
das Jesus zur Reinigung der Sünden der Menschen gebracht hat; ganz so wie es
Johannes der Täufer im Johannesevangelium bezeugt hat:
Joh 1,29: Am nächsten Tag sieht
Johannes (Anmerkung: Johannes der Täufer), daß Jesus zu ihm kommt, und spricht:
Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!
Jes 53,7: Als er gemartert ward,
litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur
Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem
Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
1Petr 1,18: denn ihr wißt, daß ihr nicht
mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach
der Väter Weise, (1,19) sondern mit dem teuren Blut Christi als eines
unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Joh 3,14: Und wie Mose in der Wüste
die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden, (3,15) damit
alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (3,16) Denn also hat Gott
die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn
glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (3,17) Denn
Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern
daß die Welt durch ihn gerettet werde. (3,18) Wer an ihn glaubt, der wird nicht
gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht
an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. (3,19) Das ist aber das Gericht,
daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis
mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. (3,20) Wer Böses tut, der haßt
das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt
werden. (3,21) Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit
offenbar wird, daß seine Werke in Gott getan sind.
Johannes der Täufer ist der letzte und größte Prophet des alten Bundes.
Lk 16,16: Das Gesetz und die
Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich
Gottes gepredigt..
Joh 1,19: Und dies ist das Zeugnis
des Johannes, als die Juden zu ihm sandten Priester und Leviten von Jerusalem,
daß sie ihn fragten: Wer bist du? (1,20) Und er bekannte und leugnete nicht,
und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. (1,21) Und sie fragten ihn: Was
dann? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin's nicht. Bist du der Prophet? Und er
antwortete: Nein. (1,22) Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du dann? daß wir
Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? (1,23)
Er sprach: »Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Ebnet den Weg des
Herrn!«, wie der Prophet Jesaja gesagt hat (Jesaja 40,3). (Vgl. auch Mt 3,1‑12; Mk 1,1‑8; Lk 3,1‑18).
Johannes der Täufer hält die Bibel in der Hand. Er beruft sich deutlich
auf das Wort Gottes:
Joh 1,1: Im Anfang war das Wort, und
das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. (1,2) Dasselbe war im Anfang bei
Gott. (1,3) Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist
nichts gemacht was gemacht ist.
Joh 1,14: Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als
des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (1,15) Johannes
gibt Zeugnis von ihm und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach
mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich. (1,16) Und
von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. (1,17) Denn das Gesetz
ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus
geworden. (1,18) Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist
und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.
Das Wort Gottes wird im
Epheserbrief als Schwert bezeichnet mit dem in der unsichtbaren Welt gefochten
(und gesiegt) wird. Welche Macht das Wort Gottes hat zeigt auch der Bericht von
der Versuchung Jesu. Jesus wehrt sich gegen die Angriffe Satans nur mit dem
Wort Gottes und bleibt Sieger.
Johannes der Täufer
weist auf Jesus hin. Er bezeichnet ihn als den Bräutigam (der Gemeinde) und
sich selbst als den Freund des Bräutigams der die Braut dem Bräutigam zuführt
und sich über die Hochzeit freut:
Joh 3,27: Johannes antwortete und
sprach: Ein Mensch kann nichts nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben
ist. (3,28) Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe: Ich bin nicht
der Christus, sondern vor ihm her gesandt. (3,29) Wer die Braut hat, der ist
der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihm zuhört,
freut sich sehr über die Stimme des Bräutigams. Diese meine Freude ist nun
erfüllt. (3,30) Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.
In diesem Zusammenhang
fallen die Worte Er muß wachsen, ich aber abnehmen, die der
Maler demonstrativ an die Wand geschrieben hat (Illum oportet crescere me
autem minui). Damit ruft er die Nachfolger Christi ‑ die Heiligen im
biblischen Sinn ‑ zum Weg der Heiligung auf: Das eigene Ego immer kleiner
werden zu lassen und Christus immer ähnlicher zu werden!
Melanchthon erklärt dies im Augsburgischen Bekenntnis [7] so:
Artikel 6 (EKG S. 1194): Vom neuen Gehorsam: Auch wird gelehrt,
daß dieser Glaube gute Früchte und gute Werke hervorbringen soll und daß man
viele gute Werke, die Gott geboten hat, tun muß, weil er es will. Doch darf
man nicht darauf vertrauen, daß man durch sie Gnade vor Gott verdienen kann.
Denn Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit empfangen wir durch den Glauben an
Christus ‑ wie er selbst spricht: "Wenn ihr alles getan habt, was
euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte, (wir haben getan was
wir zu tun schuldig waren)" (Lukas 17,10). So lehren auch die Kirchenväter
...
Auch die Bibel kennt diesen Begriff der Heiligung:
Hebr 12,14: Jagt dem Frieden nach
mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird..
Mt 7,12: Alles nun, was ihr wollt,
daß euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die
Propheten. (7,13) Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit,
und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm
hineingehen. (7,14) Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum
Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden! (7,15) Seht euch vor vor den
falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind
sie reißende Wölfe. (7,16) An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man
denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? (7,17) So bringt
jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte.
(7,18) Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum
kann nicht gute Früchte bringen. (7,19) Jeder Baum, der nicht gute Früchte
bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (7,20) Darum: an ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen.
Eph 4,17-32 nach "Hoffnung für
alle": Darum hat mir der Herr aufgetragen, euch in aller Deutlichkeit zu
sagen: Lebt nicht länger wie Menschen, die Gott nicht kennen! Ihr Denken ist
verkehrt und ohne Ziel, denn ohne Gottes Licht ist es finster in ihnen. Sie
wissen nicht, was es bedeutet, mit Gott zu leben, und widersetzen sich ihm
hartnäckig. Ihr Gewissen ist abgestumpft, deshalb geben sie sich allen nur
denkbaren Lastern hin und sind in ihrer Gier, das Leben zu genießen,
unersättlich.
(20) Aber ihr habt gelernt, daß
solch ein Leben mit Christus nichts zu tun hat. Was Jesus wirklich von uns
erwartet, habt ihr gehört und auch verstanden: Ihr sollt euch von eurem alten
Leben, dem "alten Menschen" mit all seinen trügerischen Leidenschaften
endgültig trennen und euch nicht länger selbst zerstören. Gottes Geist will
euch mit einer völlig neuen Gesinnung erfüllen. Ihr sollt den "neuen Menschen"
anziehen, wie man ein Kleid anzieht. Diesen neuen Menschen hat Gott selbst
nach seinem Bilde geschaffen; er ist gerecht und heilig, weil er sich an das
Wort der Wahrheit hält.
Belügt euch also nicht länger,
sondern sagt die Wahrheit. Wir sind doch als Christen die Glieder eines
Leibes, der Gemeinde Jesu. Wenn ihr zornig seid, dann macht es nicht noch
schlimmer indem ihr unversöhnlich bleibt. Laßt die Sonne nicht untergehen
ohne daß ihr euch vergeben habt. Gebt dem Teufel keine Chancen Unfrieden zu
stiften. Wer früher gestohlen hat und davon lebte, der soll sich jetzt eine
ehrliche Arbeit suchen, damit er Notleidenden helfen kann. Redet auch nicht
schlecht voneinander. Was ihr sagt, soll für jeden gut und hilfreich sein,
eine Wohltat für alle. Sonst beleidigt ihr den heiligen Geist, den Gott euch
gegeben hat. Er ist doch euer Bürge dafür, daß der Tag der Erlösung kommt, an
dem ihr von aller Sünde befreit seid.
Mit Bitterkeit, Jähzorn, Wut,
gehässigem Gerede oder anderen Gemeinheiten sollt ihr nichts mehr zu tun
haben. Seid vielmehr freundlich und barmherzig, immer bereit, einander zu
vergeben, so wie Gott euch durch Jesus Christus vergeben hat.
1.Petr. 2,2 ("Hoffnung für
Alle"): Wie ein neugeborenes Kind nach der Milch schreit, so sollt auch
ihr nach dem unverfälschten Wort Gottes verlangen. Dann werdet ihr im Glauben
wachsen und das Ziel erreichen.
Joh 14, 6 ("Hoffnung für
alle"): Jesus antwortete: "Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit
und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen. Kennt ihr
mich, dann kennt ihr auch meinen Vater.
Mit dieser Mahnung
weist Johannes der Täufer den gläubigen Christen ernst und bestimmend den Weg
zum gottgefälligen Leben. Er zeigt damit aber auch ganz deutlich, daß es mehr
als nur den Teil des Lebens gibt, den wir sehen.
Wenn wir nun die
einzelnen Bilder des Isenheimer Altars von den Heiligendarstellungen im
Schrein und der dritten Schauseite bis zum Aufruf zur Heiligung durch Johannes
den Täufer auf der ersten Schauseite verfolgen, dann könnte über dem Isenheimer
Altar das Motto
Vom Heiligenkult zur Heiligung
stehen. Ist die Heiligung ein anzustrebendes Ziel für jeden Christen, so
birgt die Heiligenverehrung ‑ und das tat sie besonders zu Mathis'
Zeiten ‑ die Gefahr des Umschlagens in einen Heiligenkult und damit zur
Übertretung des ersten Gebotes:
2Mo 20,1: Und Gott redete alle diese
Worte: (20,2) Ich bin der Herr,
dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
(20,3) Du sollst keine andern Götter haben neben mir. (20,4) Du sollst dir kein
Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel,
noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde
ist: (20,5) Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott,
der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den
Kindern derer, die mich hassen, (20,6) aber Barmherzigkeit erweist an vielen
Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. (20,7) Du sollst den Namen
des Herrn, deines Gottes, nicht
mißbrauchen; denn der Herr wird
den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.
Melanchthon sagt im Augsburgischen Bekenntnis [7] über die Heiligenverehrung:
Artikel 21 (EKG S. 1202): Über die Heiligenverehrung: Über die
Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, daß man der Heiligen
gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird, wenn wir sehen,
wie Ihnen geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken
ein Beispiel nehmen, jeder für seinen Lebensbereich (ursprüngl. Beruf)...
Aus der Heiligen Schrift läßt sich aber nicht beweisen, daß man die Heiligen
anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. "Denn es ist ein Gott und
ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus
Jesus" (1. Timotheus 2,5).
Auch so kann man
Mathis, den Maler des Isenheimer Altars als einen Menschen im Spannungsfeld
der Reformation bzw. der Vorreformation betrachten. Einerseits arbeitet er für
einen Orden, der von der Heiligenverehrung, ja vielleicht sogar vom Heiligenkult,
lebt, andererseits ist für ihn Jesus Christus der einzige Erlöser, der sich
für unsere Sünden geopfert hat und der einzige Weg zum himmlischen Vater.
Aufgrund der
Parallelität der Bildinhalte zur Bibel scheint es mir wahrscheinlich, daß
Mathis der Maler sehr stark zum "allein die Schrift" der späteren
Reformation tendierte und die Bibel wohl den meisten zeitgenössischen
Erbauungs- oder gar Legendenbüchern vorzog. Inwieweit er aber auch das
"allein aus Gnade" (Rettung allein aus Gnade Gottes und nicht durch
eigene gute Werke), um das auch Luther gerade in dieser Zeit gerungen hat,
schon be- und ergriffen hat, vermag wohl kein Mensch zu sagen. Einiges spricht
dafür, besonders das Bildnis des auferstandenen Christus: In jener Zeit
herrschte im Volk die Vorstellung von Christus dem Richter: Gnade und Erbarmen
suchte man bei Maria, die ihren Sohn versöhnen sollte. Sie rückte daher ganz
von selbst in den Vordergrund der Frömmigkeit, die nach Gnade und Heil
verlangte [12]S. 163, §191. Im
Auferstehungsbild des Isenheimer Altars hat aber Jesus einen sehr gnädigen
und liebeollen Ausdruck und weniger die Züge eines strengen Richters. Das läßt
darauf schließen, daß der Autor des Isenheimer Altars auch die Gnade Jesu
kannte. S. D. G.
Literatur
Die Bibelzitate
stammen größtenteils aus der revidierten Ubersetzung nach Martin Luther (1985).
Die ursprüngliche Lutherübersetzung baute auf der lateinischen Vulgata auf,
die auch dem Maler zur Verfügung gestanden haben dürfte. An einigen Stellen,
fand die sprachlich moderne Übertragung des Neuen Testaments Hoffnung für
Alle Verwendung. Die Einheitsübersetzung kann ebenso verwendet werden.
[1] Geissler, Heinrich:
Meister Mathis ‑ Leben und Werk. In: Grünewald, Matthias: Der
Isenheimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.
[2] Mischlewski, Adalbert: Die Antoniter und
Isenheim. In: Grünewald, Matthias: Der
Isenheimer Altar von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.
[3] Saran, Bernhard: Von der Macht des Wortes
im Bild. In: Grünewald, Matthias: Der Isenheimer Altar von Mathis Grünewald.
Max Seidel. Belser Verlag 1990.
[4] Klauser, Theodor (Hrsg.): Reallexikon für
Antike und Christentum; Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart, 1969.
[5] Lexikon für Theologie und Kirche, Herder
1968.
[6] Geissler, Heinrich: Der Altar ‑
Daten und Fakten im Überblick. In: Grünewald, Matthias: Der Isenheimer Altar
von Mathis Grünewald. Max Seidel. Belser Verlag 1990.
[7] Evangelisches Kirchengesangbuch, Ausgabe
für die Evangelische Landeskirche in Württemberg; 41. Auflage der Ausgabe von
1953; Verlag des Evangelischen Gesangbuchs Stuttgart, 1991.
[8] Groner, A: Die Geheimnisse der Isenheimer
Altars in Colmar. Straßburg 1920 (Heitz): Studien zur deutschen
Kunstgeschichte; Heft 212.
[9] Mellinkoff,
Ruth: The Devil at Isenheim, Reflections of Popular Belief In Grünewalds´s
Altarpiece. University of California Press, Berkeley, Los Angeles, London,
1988.
[10] Lanckoro_ska, Maria: Matthäus Gotthart
Neithart; Sinngehalt und historischer Untergrund der Gemälde, Roetherverlag,
Darmstadt, 1963.
[11] Kühn, Dr. Wolfgang: Grünewalds Isenheimer
Altar als Darstellung mittelalterlicher Heilkräuter. In: Kosmos, Heft 12,
Dezember 1948, 44. Jahrgang, S. 327-333.
[12] Müller, D. Karl: Kirchengeschichte, zweiter
Band, erster Halbband. J.C.B. Mohr, Tübingen, 1911.
[13] Behling, Lottlisa: Mattias Grünewald. Karl
Robert Langewiesche Nachfolger, Hans Köster,
Königstein im Taunus, 1969.
Vorgelegt von
Dr.-Ing.
Jürgen Seekircher
27.
Februar 1994/23. Mai 1994, nochmals durchgesehen am 4. Februar 1995
Herrn
Dr. Bertold Schulz aus Karlsruhe danke ich für die Durchsicht.
Weiterhin
habe ich vielen Zuhörern meiner Diavorträge und Besuchern des Unterlindenmuseums
in Colmar für anregende Fragen, Hinweise und Anmerkungen zu danken.
Anregungen
und Korrekturen sind erwünscht.
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